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Endstation TEUFELSINSEL


Fred Vnoucek .... auf den Spuren des Romanhelden Papillon ....
unterwegs in Französisch Guayana


Text und Fotos von Fred Vnoucek


Man kann über die Romanfigur ,Papillon‘ des französischen Schriftstellers Henri Charriere verschiedener Meinung sein. Ob man die Geschichte für wahr hält oder eher an literarische Freiheit glaubt, die Lektüre des Buches zieht jeden Leser in den Bann.

die Teufelsinsel Das Interesse an einem kleinen Land in Südamerika wird geweckt, im besonderen an einer Insel, der Küste von Französisch Guayana vorgelagert. Eigentlich sind es drei Inseln, die ,Inseln des Heils‘, eine davon ist die berüchtigte Teufelsinsel. Die beiden anderen Inseln sind Royale und St. Joseph.

Beinahe hundert Jahre schrieb man hier ein rabenschwarzes Kapitel der französischen Geschichte, war Französisch Guayana eine Strafkolonie, Hölle und zugleich Endstation für viele Unglückliche. Vielleicht ist das der Grund für die offensichtliche völlige Ignoranz, mit der man heutzutage den historischen Tatsachen und Überresten gegenübersteht. Es gibt kaum Tourismus im Land, die Inseln haben lediglich eine strategische Bedeutung. Dort befindet sich eine Kontrollbasis des französischen Raumfahrtzentrums von Kourou, das den Inseln gegenüber am Festland liegt. Fremdenlegionäre sind zum Schutz der Einrichtungen auf den Inseln und am Festland stationiert. Es gibt kaum touristische Strukturen, man hat auch nicht das Gefühl, dass großes Interesse an Besuchern besteht.

Jedoch, mein Interesse war geweckt. Allerdings hat es beinahe zwanzig Jahre gedauert, bis sich eine Gelegenheit zum Besuch des exotischen Fleckens ergeben hat. Bei der Landung am Flughafen der Hauptstadt Cayenne habe ich mich bereits wieder einigermaßen von der ersten Überraschung erholt: der Linienflug von Paris wird als Inlandsflug quer über den Atlantik geführt. Guayana ist tatsächlich französisches Staatsgebiet. Bei der Einreise wird neben meinem Pass auch das Impfzertifikat kontrolliert. Eine Impfung gegen Gelbfieber ist vorgeschrieben. Es sieht so aus, als ob ich der einzige ankommende Tourist wäre. Unglaublich aber wahr, war doch die Maschine ausgebucht. Schnell merke ich, dass die übrigen Passagiere Angestellte des Raumfahrtzentrums und Fremdenlegionäre sind. Es dürfte ein reger Verkehr zwischen Frankreich und der ,Außenstelle Guayana‘ herrschen. Wie auch immer, ich habe es geschafft und stehe am Ziel meiner durch Literatur geweckten Sehnsucht.

Die Stadt Cayenne wirkt sehr exotisch und kolonial. Es ist tropisch-feucht-heiss. Ich wohne in einem netten Hotel im Zentrum und verbringe den ersten Tag mit der Suche nach Kuriositäten in den verschiedenen Shops am Hauptplatz. Am nächsten Tag besuche ich der Vollständigkeit halber das Raumfahrtzentrum in Kourou und nehme an einer ausführlichen Führung teil. Dort, wo es interessant zu werden scheint, steht üblicherweise ,Zutritt untersagt‘. Ich mache mich schnellstens daran, die Spur meines Romanhelden Papillon aufzunehmen. Die Spur beginnt eigentlich schon im Frankreich der dreissiger Jahre. Dem interessierten Leser empfehle ich die Geschichte in Buchform, ich beginne meinen Bericht in der ,Hauptstadt‘ der Strafkolonie, in St. Laurent am Moroni-Fluss. Hier legten die aus Europa kommenden Häftlingstransporte an, die Gefangenen wurden je nach Delikt und aufgrund anderer Gesichtspunkte auf verschiedene Lager verteilt. Die am Festland gelegenen Straflager müssen die wahre Hölle gewesen sein. Malaria, wilde Tiere und Unfälle waren ständige Begleiter der sogenannten ,Bagnards´ - nach der französischen Bezeichnung ,Bagno‘ für die Straflager. Politische Gefangene oder Wiederholungstäter kamen üblicherweise auf die ,Inseln‘, von wo ein Entkommen unmöglich war (mit einer Ausnahme, kann man der Erzählung von Charriere Glauben schenken). Die Inseln waren zumeist ,Endstation‘ für ,Lebenslängliche‘, dafür aber etwas erträglicher als die Lager am Festland. Die Gefangenen konnten sich auf der Insel Royale relativ frei bewegen, auf St. Joseph waren die gefürchteten Zellen für die Einzelhaft, auf der Teufelsinsel waren fast ausschließlich politische Gefangene. Dazu gehörte auch der umstrittene Hauptmann Dreyfuss, der als einer von wenigen nach seiner Rehabilitierung die grüne Hölle legal verlassen durfte und nach Frankreich zurückkehren konnte. die gefürchteten Zellen für die Einzelhaft Eine gute Straße führt durch Regenwald und Sumpf nach St.Laurent, es ist die Nationalstrasse Nummer 1. Hier am Rande des Urwaldes und am Ufer des Flusses liegt die Stadt, wo alles begann und zugleich für über fünfzigtausend Menschen alles endete. Ein schläfriger Urwaldort mit Wellblechdächern, nun vom Zahn der Zeit zernagt, war der Hauptort der ,Menschenfresserin‘, wie Guayana seinerzeit genannt wurde. Nichts ist übrig von den weissen Häusern und den gepflegten Gärten, als nach dem zweiten Weltkrieg die Straflager endgültig geschlossen wurden, waren plötzlich auch die kostenlosen Arbeitskräfte weg ... und der Ort zum Dahinsiechen verurteilt. Unmittelbar hinter den Häusern beginnt der undurchdringliche Dschungel, der sich von hier bis zum Amazonas fortsetzt. Nur auf dem Fluß kann man weiter vordringen, wie es schon viele Abenteurer, Entdecker und Glücksritter gemacht haben. Viele sind nicht mehr zurückgekommen.

Noch immer ragen verrottete Holzpfähle aus den schlammigen Fluten des Moroni, wo einst die Gefängnis-Schiffe mit den Verurteilten angelegt haben. So auch die ,Mariniere‘, mit welcher Papillon im Jahre 1933 ankam. Ich besichtige den Zuchthauskomplex. Es ist alles da, wie im Buch beschrieben, nun dem Verfall preisgegeben. Durch den Torbogen betritt man die ehemalige ,Welt der Verlorenen‘. Mehrstöckige Gebäude mit vergitterten Fenstern, eingefallene Dächer mit Giebeln, alte verwaschene Schriften an den Wänden. Das "Quartier de la Réclusion", der Block der lebenden Toten, der zu Einzelhaft oder zum Tode Verurteilten. Modrige Zellen, nur ein paar Quadratmeter groß, lichtlos. Sie liegen, Verlies an Verlies, an einem rechteckigen Innenhof, in dem einst die Guillotine aufgebaut war. Nur hier in St. Laurent wurde nach schweren Vergehen die Todesstrafe vollstreckt, nicht jedoch auf den Inseln des Heils. Die Häftlinge mußten bei den Hinrichtungen anwesend sein, es war verboten die Augen zu schliessen. Der zweite Fluchtversuch wurde mit dem Tod bestraft. Bäume und Gestrüpp sind längst in den Hof hineingewuchert, haben die Stätte des Grauens mit einem grünen Tuch überzogen.

Es wird Zeit, der Beklemmung für einige Zeit zu entkommen. Eine Bootsfahrt flussaufwärts den Moroni ist gerade das Richtige. Aus dem Urwald tönt das Schreien der Brüllaffen und das Krächzen von Papageien. Es ist die Heimat unzähliger Schmetterlingarten. Ob das Plätschern vor dem Bug des Bootes ein abtauchendes Krokodil war ? An einem Strand in der Nähe der Stadt kann man Riesenschildkröten bei der Eiablage beobachten. Ich fahre wieder zurück nach Kourou und ruhe mich einen Tag am Pool des Hotels aus, ehe ich mich an den Höhepunkt meines Besuchsprogrammes ,auf den Spuren Papillons' mache. Frühmorgens legt das Boot in der Nähe von Kourou ab, das mich zu den Inseln des Heils bringen soll. Die Überfahrt dauert nur etwas mehr als eine Stunde. Trotzdem war seinerzeit eine Flucht schwimmend nicht möglich. Zu viele Strömungen und ein Raubfischverseuchtes tropisches Meer umgeben die drei Eilande.

der Leuchtturm Trotz ihrer grausamen Geschichte sind die Inseln von atemberaubender Schönheit. Gestört wird der Eindruck lediglich von den beinahe zur Gänze verfallenen Bauwerken. Nur das ehemalige Krankenrevier und der Leuchtturm auf Royale sind noch einigermaßen in erkennbarem Zustand. Die Gefängnistrakte zerfallen, offensichtlich wird nichts zur Erhaltung getan. Als ich auf der Insel Royale ankomme, suche ich zuerst den Weg zur einzigen touristischen Anlage, ein altes Verwaltungsgebäude wurde in ein Guesthouse umgewandelt. Ein kleines Restaurant ist angeschlossen, wo man auch bescheidene Einkäufe tätigen kann. Die Zimmer sind einfach, haben aber Dusche und Toilette. Es geht mir als Besucher also etwas besser als meinen unglücklichen Vorgängern in der ersten Hälfte vergangenen Jahrhunderts. Vor meinem kleinen Holzbalkon spielen Palmratten, in einiger Entfernung sehe ich die verfallenen Mauern des Hauptgefängnistraktes. Auf den Mauerresten tummeln sich Leguane. Der Stützpunkt der Fremdenlegion befindet sich ebenfalls auf der ,Ile Royale‘.

Auch der Besitzer des Guesthouse kann mir nun nicht weiterhelfen, es gibt tatsächlich auf den Inseln keinerlei touristische Struktur. Mehrmals pro Woche kommt am Vormittag das Boot aus Kourou, welches am selben Nachmittag wieder zurückfährt. Die meisten Besucher sind nur Tagesgäste, entweder um etwas vom Schrecken der Vergangenheit mitzubekommen oder aber um auf der Insel ein Picknick zu machen .... Damit sitzt man auf der ,Königsinsel‘ fest, es gibt keine Möglichkeit, die beiden Nachbarinseln aufzusuchen. Ich habe Glück und kann einen Bootsbesitzer überreden, mich zur nahen Insel St. Joseph zu bringen. Auf St.Joseph spürt man noch sehr stark die beklemmende Atmosphäre, die von den vom Dschungel überwucherten Gemäuern ausgeht. Hier waren die dunkelsten Gemächer der ,Grünen Hölle der Verbannten‘: Die Käfige. Leichtere Vergehen wurden mit jahrelanger Einzelhaft bestraft. In diesen berüchtigten Verliesen führte laut Buch auch Papillon einen verzweifelten Kampf ums Überleben - dem körperlichen Verfall und dem Wahnsinn näher als dem Leben. Wenn alles so war wie es im Buch steht, wie ich der späten Romantik wegen annehme. Ich weiss noch die ,Adresse‘ der kleinen Zelle: Gebäude A – Nummer 234. Finden kann ich die Zelle allerdings nicht. Auf St. Joseph leben keine Menschen, hier geben sich die Geister der Vergangenheit ein Stelldichein. Ich bin froh, wieder nach Royale zurückkehren zu können und bin gar nicht mehr so traurig, dass ein Besuch der kleinen Teufelsinsel nicht möglich sein wird. Nur von Royale aus, über einen ungefähr hundert Meter breiten Meereskanal, sehe ich die flache, von Palmen bewachsene Insel. Ich vermisse die Klippen, von denen sich Papillon bei seinem erfolgreichen Fluchtversuch von der Teufelsinsel gestürzt hat. In diesem Meereskanal sollen die Bestattungen der Sträflinge stattgefunden haben. Zum monotonen Geläute der Totenglocke von Royale wurden die in Tücher gehüllten Leichen den Haien zum Fraß vorgeworfen. Der Friedhof der Insel diente nur den Wärtern und Bediensteten.

Ich bin erleichtert, als ich in Kourou wieder festen Boden betrete und den Spuk der Vergangenheit hinter mir lassen kann. Vor dem Hintergrund des Romans war es ein faszinierendes Erlebnis, die Inseln des Heils zu erforschen. Allerdings bin ich mir sicher, das die Inseln nie zu einem Ziel für Massentourismus werden können. In einigen Jahren wird auch nichts mehr da sein, was an die Tragödie erinnert. Ich glaube, dass ist gut so.

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