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Nadom - die mongolische Olympiade


Text und Fotos: Prof. Hans Först


In einer Staubwolke donnern etwa 40 - 50 Pferde dem Ziel entgegen. Halbwüchsige Jungen und Mädchen, meist nicht älter als ihre Pferde, stehen in den Steigbügeln, stoßen wilde Schreie aus und treiben mit ihren Gerten, die sie links und rechts niedersausen lassen, die schweißnassen Pferde nach unglaublichen 20 oder 30 km querfeldein zum Endspurt an. Eine Orgie der Farben: Die Pferde mit bunten Bändern geschmückt, die Reiter in leuchtendes Rot, Blau, Violett und Orange gekleidet, dazu kleine Fähnchen und Bänder, die im Wind flattern. Die Sonne brennt vom tiefblauen Himmel, Staub in der Luft. Jeder kleine Mongole träumt davon, einmal als Sieger ins Ziel zu kommen.

Das Siegerpferd verschwindet sofort in der Menge der Bewunderer. Es wird solange herumgeführt, bis es trocken ist. Bei der anschließenden Siegerehrung stimmt ein Offizieller ein Loblied auf Pferd und Reiter an. Es gibt übrigens keinen Siegeskranz. Die Jockeys erhalten einen Schluck der gegorenen Stutenmilch, der Rest wird über das Pferd gegossen.

Einmal im Jahr zum Nadom-Fest am Höhepunkt des kurzen mongolischen Sommers, wenn die Schafe ihre Lämmer geboren haben, wird die Erinnerung an die Reiterhorden des Dschingis Khan wieder lebendig. Nadom ist die Kurzform für "Erijn guerwan naadom", was "3 Spiele der Männer" bedeutet. Gemeint sind die drei Sportarten, mit denen die Mongolen einst ihr Weltreich eroberten: Reiten, Ringen und Bogenschießen. Wobei "männliche Sportarten" nicht mehr stimmt. Nur der Ringkampf ist ausschließlich Männern vorbehalten, Jockeys sind wegen ihres geringen Gewichts ausschließlich Kinder, Buben und Mädchen, und am Bogenschießen nehmen auch Frauen teil.

Und wenn am 11. und 12. Juli unter den Besten aus allen 19 Aimaks, den Provinzen des Landes, die Sieger in den traditionellen Sportarten ermittelt werden, dann kommt die Mongolei zum Stillstand, sind die brennenden Probleme des Alltags vergessen, pilgern die Menschen ins Stadion von Ulan Bator, und die Nomaden in den Weiten des Graslandes sitzen vor dem Gemeinschaftsfernseher in den Somon-Zentren. Jeder Mongole kennt die Namen und den Lebenslauf der besten Athleten und Pferde. Bis zum nächsten Fest bilden die Wettkämpfe genug Gesprächsstoff für die langen Abende.

Neben dem Reiten ist Ringen der mongolische Volkssport Nummer 1. Zuerst umkreist das Ringerpaar mit ausgestreckten Armen und wiegenden Schritten die Nationalflagge. Sie ahmen den Flug des Adlers nach, der den Mongolen als Symbol der Stärke gilt. Alle Ringer tragen traditionelle Kleidung, wenigstens in der Hauptstadt: Stiefel mit aufgebogenen Spitzen und eine Jacke mit dicken, metallenen Knöpfen. Das "Oberteil" ist brustfrei, seit sich einmal am Ende eines Turniers herausgestellt haben soll, daß der Sieger eine Frau war.

Um den Gegner aufs Kreuz zu legen, ist jeder Griff erlaubt. Verloren hat, wer mit einem anderen Körperteil außer den Füßen den Boden berührt. Gekämpft wird ohne Gewichtsklassen und im KO-System. "Falke", "Elefant" und "Löwe" sind die Titel, die den ersten drei Siegern eines Wettkampfs in Ulan Bator gebühren. Und "Riese" darf sich nennen, wer beim Nadom in der Hauptstadt mehrere Male gegen sämtliche Gegner siegreich geblieben ist.

In Ulan Bator mißt sich die sportliche Elite des Landes bei der Mongolen-Olympiade vor mehr als 100 000 Zuschauern. Interessanter, stimmungsvoller und hautnah erlebt man jedoch die Nadoms in den kleinen Zentren der Aimaks und Somonen. Dort gibt es keine Absperrungen, keine Ordner, keine Tribünen. Nur der Überblick ist für Touristen etwas eingeschränkt. Denn auch die Zuschauer sitzen in der Mongolei stolz auf Pferden und beobachten alles von einer höheren Ebene. Das macht das Leben "armer" Zweibeiner und das Fotografieren etwas mühsam und manchmal einigermaßen stressig, vor allem dann, wenn man kein ausgesprochener Pferdefan ist.

In den Wettkampfpausen feiern die Mongolen ausgiebig mit Freunden und Unmengen von Kumys, der vergorenen Stutenmilch, und mongolischem Wodka. Frauen und Männer tragen zu diesem Anlauß den traditionellen Deel, ein mantelartig geschnittenes Gewand mit Stehkragen, bunten Bordüren und breiter, färbiger Gürtelschärpe, dazu einen breitkrämpigen Hut. Ihr breites, offenes Lächeln und ihre direkten Blicke zeugen von Stolz, Selbstvertrauen und Ausgeglichenheit, den Grundzügen des mongolischen Charakters.

In diesen kleinen Zentren außerhalb der Hauptstadt kann es schon vorkommen, daß man als Ehrengast in die Festjurte eingeladen wird. Blickfang beim Eingang ist ein gekochter Hammel mit dickem, fettem Schwanz. Der Hammelkopf liegt abgetrennt und blickt in Richtung Hausaltar. Daneben Schalen randvoll mit Gebäck, Weichkäse und getrocknetem Milchrahm. Zuerst erhält der Gast eine dünne Schnitte vom fetten Hammelschwanz, eine besondere Delikatesse. Je dicker die Fettschicht, desto größer die Anerkennung. Eine Schüssel mit gegorener Stutenmilch geht von Hand zu Hand. Jeder muß wenigstens nippen, das verlangt die Höflichkeit, auch wenn die Aussicht auf die Folgen den Genuß einigermaßen dämpft. Die Männer ziehen ihre schön verzierten Schnupftabakdosen aus einer Tasche ihres Deels und überreichen sie formvollendet mit der rechten Hand dem Sitznachbarn. Der muß daran riechen, einen Laut des Bewunderns ausstoßen und sie dann ebenso wieder zurückgeben. So will es der Brauch. Mangels eigener Dosen muß bei uns die Übergabe der eigenen unterbleiben.

Dazu der übliche Small-talk. Woher kommt ihr? Wie gefällt es euch? Österreich verbinden unsere Gastgeber nicht mit Kreisky, auch nicht mit Waldheim oder Rapid. "Sisi" war der große Hit des letzten Winters im Somon-Zentrum. Der Blick der Frauen verklärt sich, als sie ihren Kindern erklären, daß die Besucher aus dem Sisi-Land kommen, und die Männer sind voll des Lobes über die schönen, österreichischen Pferde.

Kein Fest, keine Einladung ohne Lieder. Der Gesang der Mongolen ist schwermütig und spiegelt die enge Beziehung zur beseelten Natur, zu Pferden und zur Liebe. Mehr Kumys, mehr Lieder. Sie singen, wir singen. Ein gelungener Kulturaustausch. Kaum vorstellbar, daß diese liebenswürdigen Menschen Nachfahren jener sind, die vor 700 Jahren mit Feuer und Schwert fast die Hälfte der damals bekannten Welt beherrschten.

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