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Mongolei:
Dschingis Khans Erben reiten wieder


Text und Fotos: Prof. Hans Först


Bis 1989 war die Mongolei für Reisende verschlossen. Nach dem Ende des Kommunismus öffneten sich die Grenzen, und es wurde möglich, die Heimat Dschingis Khans wieder zu bereisen.

Das satte, sommerliche Grün des mongolischen Graslandes verblaßt allmählich auf dem Flug von Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, nach Süden. Ziel ist die Gobi. Welch ein magisches Wort, seit der Jugendzeit verbunden mit der Vorstellung von Forschern, Karawanen und wilden Reiterhorden.

Nach fast zwei Stunden Flug verliert die alte Antonov der "Mongolian Air" an Höhe. Der Boden wechselt zwischen blassem Grün, Staubgrau und Sandgelb, die weißen Punkte werden zu kreisrunden Jurten, davor Kamele, Schafe und Pferde.

Ein klappriger Bus bringt uns von Dalandsadgad in ein Jurtencamp am Rande der großen zentralasiatischen Wüste. An touristisch interessanten Orten wurden solche Camps errichtet. Sie verfügen auch über saubere sanitäre Einrichtungen und sogar Duschen. Neben dem staatlichen Reisebüro Juulchin versuchen seit der Wende 1990 auch private Veranstalter die Mongolei als Destination für Naturliebhaber, Wanderer, Reiter, Jäger und für Reisende, die alles schon gesehen haben, aufzubauen.

Das Camp ist Ausgangspunkt für Ausflüge in die Adlerschlucht, in der neben den Greifvögeln noch Bären und sogar Schneeleoparden leben sollen, zu einem lichten Wald eigentümlicher Saxaulbäumchen, deren knorrige Äste vom ewigen Wüstenwind bizarr verformt sind, und nach Bayangobi. Die tief erodierten, rötlichen Sandsteinformationen, die in der Abendsonne glühen, haben dieser steilen Geländestufe den Namen "Flaming Cliffs" eingetragen. Im Jahre 1922 stieß hier eine Expedition des American Museum of Natural History von New York auf Knochen, zwar nicht auf die gesuchten Gebeine früher Menschen, dafür auf die größte Ansammlung von Dinosaurierskeletten, die je gefunden wurde. Ein gewaltiger "Friedhof der Drachen" mit Dinosauriern aus allen Lebensphasen, von gerade geschlüpften bis zu ausgewachsenen Exemplaren. Dazu wurden Nester gefunden, in denen die Eier noch nach 70 Millionen Jahren so lagen, als seien sie gerade gelegt worden.

Die mongolische Gobi ist - entgegen der verbreiteten Vorstellung - nur zu einem geringen Teil reine Sand- und Steinwüste. Die Randgebiete sind der Lebensraum der Kamelkarawanen. Mit 600 000 zweihöckrigen Kamelen, auch Trampeltiere genannt, liegt die Mongolei nach Indien und Pakistan an der dritten Stelle in der Welt. Dieses überaus genügsame Tier ermöglicht den Menschen das Überleben. Es kann bis zu 200 kg transportieren, seine Wolle wird größtenteils exportiert, die Milch verarbeitet, und mit dem Dung werden die kleinen Öfen in den Jurten geheizt.

Noch immer ist die Viehzucht der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes. Viehzucht setzt in diesem kargen Land Nomadentum voraus. Drei- bis viermal im Jahr müssen die Hirten ihr Lager abbauen, weil sie den Herden von Kamelen, Yaks, Schafen oder Ziegen zu neuen Weideplätzen folgen müssen.

Die Jurte, mongolisch Ger, ist die ideale Behausung für dieses Leben mit häufigem Ortswechsel und in einem extremen Klima. Alles ist Handarbeit und zweckmäßig. Hinter ihren oft mehrere Schichten dicken Filzmatten ist man vor der sommerlichen Hitze und den Staubstürmen ebenso geschützt wie vor der winterlichen Kälte mit Temperaturen bis minus 40 Grad.

Kaum hat man die Jurte betreten, schöpft die Hausherrin aus einem großen Ledersack links neben der Tür Airak, die erfrischende, vergorene Stutenmilch in eine große Trinkschale. Airak, von den Russen und Turkvölkern auch Kumys genannt, erinnert an Buttermilch, enthält aber 3 - 4 % Alkohol. Bevor die Schale die Runde macht, spritzt der Hausherr ein paar Tropfen gegen den Himmel und in die vier Richtungen, um die Geister zu besänftigen. Die Wirkung des Airak auf ungewohnte Gedärme ist nachhaltig, die anschließende Hocke über dem Steppengras kräftezehrend.

Die Mongolei ist das einzige Land der Erde, in dem es mehr Pferde als Menschen gibt. "Die Mongolen werden im Sattel geboren und wachsen auf dem Pferderücken auf", schrieb ein chinesischer Chronist im 13. Jhdt.. Pferde haben den geringsten wirtschaftlichen Nutzen, sie sind jedoch die besten Freunde der Nomaden und Symbol des Wohlstandes. Mongolenpferde sind klein, flink, genügsam, nicht besonders schön, aber unglaublich ausdauernd. Sie galoppieren über Dutzende Kilometer. Die Zahl der Lieder, in denen die Pferde, die besten Freunde der Menschen, besungen werden, übersteigt sogar die Zahl der Liebeslieder.

Dschingis Khan, der Anfang des 13. Jhdts. mit seinem außergewöhnlichen militärischen Geschick die Stämme der Mongolei zu einem straffen Verbund einte und mit der Eroberung eines in der Weltgeschichte beispiellosen Imperiums begann, in dem 1 Mill. Mongolen mehr als 25 Mill. Quadratkilometer beherrschten, lebt noch in der Erinnerung der Menschen, in ihren Liedern und beim Nadom-Fest im Juli, wenn sich die besten Reiter, Ringer und Bogenschützen des Landes wie zu Zeiten des Großkhans in allen größeren Orten, vor allem jedoch in Ulan Bator in ihrem Können in den drei Sportarten messen, mit denen die Mongolen einst ihr Weltreich eroberten. Wenn in einer dichten Staubwolke 40, 50 Pferde, angetrieben von Jockeys, die wilde Schreie ausstoßen, über die Steppe donnern, wenn Bogenschützen aus 75 m Entfernung genau ins Ziel treffen und die muskulösen Ringer versuchen, den Gegner zu Fall zu bringen, wird Dschingis Khan wieder lebendig.

Erhalten blieb von Karakorum, der alten Hauptstadt des Dschingis Khan, fast nichts mehr. Enttäuschung bei der Ankunft nach acht- bis neunstündiger Anfahrt auf zum Teil schwieriger Piste. 1388 wurde die Stadt von Chinesen dem Erdboden gleichgemacht, eine späte Rache dafür, daß Mongolen sich angemaßt hatten, als "Söhne des Himmels" ein Jahrhundert lang das Reich der Mitte zu regieren.

Trotzdem lohnt Karakorum die Strapazen der langen Anreise. 1586 wurde hier von Abadai Khan nach einem Besuch des Dalai Lama das Kloster Erdene Zuu, das größte der Mongolei, errichtet, in dem einst 10 000 Mönche gelebt haben sollen. Es wurde von den Kommunisten zum Museum erklärt und entging deswegen der Zerstörung. Hinter den 108 weißen Stupas der Außenmauer verbirgt sich eine Fülle von Kunstschätzen, Statuen, Gemälden, Thankas und Ritualgegenständen, leider in musealer Atmosphäre.

Karakorum liegt inmitten des typischen mongolischen Graslandes. Ein Reich der Stille ohne Grenzen. Sanfte Hügel rollen endlos bis zum Horizont, das Auge sucht meist vergeblich nach einem Fixpunkt. Weiße Jurten und Schafherden leuchten vor dem dunklen Grün der Sommerweiden. Die Farben verändern sich ständig mit dem Sonnenstand und dem Spiel der Wolken. Hier leben die Menschen noch im Gleichklang mit der Natur. Über den üppigen Blumenwiesen, auf denen Thymian, Vergißmeinnicht, Glockenblumen, Enzian und Edelweiß wachsen, kreisen Kraniche, Geier und Adler. Mongolei wie aus dem Bilderbuch.

Schmucklose Betonbauten, Wohnsilos, breite Asphaltstraßen und kyrillische Aufschriften dominieren das Stadtbild von Ulan Bator; im Zentrum pseudoklassizistische Repräsentationsbauten in verblassenden Pastellfarben. Riesige, mit Kohle betriebene Fernewärmewerke, die die mehr als 600 000 Bewohner die bitterkalten Wintermonate überstehen lassen, stoßen schwarze Rauchwolken aus und sind weithin sichtbare Orientierungspunkte der Stadt. Atmosphäre sucht man vergeblich.

Anfang dieses Jahrhunderts lebten über 100 000 Mönche in rund 700 Klöstern im Land. Geheimpolizei und Rotarmisten haben fast alle Tempel zerstört und unersetzliche Kunstschätze vernichtet. Bis 1989 galt ein strenges Religionsverbot. Doch den lamaistischen Buddhismus, der im 17. Jhdt. ins Land kam und später Staatsreligion wurde, konnten auch die stalinistischen Progrome in den 30er Jahren nicht auslöschen. Überall im Land begann nach der Wende 1990 ein Wiederaufbau religiöser Stätten.

Eines der wenigen Klöster, das den kommunistischen Bildersturm einigermaßen unbeschädigt überstanden hat, ist Ganden im Norden der Stadt. Jeden Morgen um 9 Uhr rufen zwei Mönche auf ihren Muschelhörnern vom hölzernen Turm die rund 100 Mönche zum gemeinsamen Gebet. Wenn das monotone Gemurmel, ab und zu unterbrochen von Hörnern und Tschinellen, die Versammlungshalle füllt, drängen sich wieder die gläubigen Laien entlang der Wände und im Hof.

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