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"Happy birthday, Buddha"

oder

"Buddhas Geburtstag"


Text und Bilder: Prof. Hans Först

Das stundenlange Warten hat sich gelohnt. Plötzlich, ohne jede Ankündigung, ertönen Trommeln, Tschinellen, Knochentrompeten und Posaunen. Die tiefen, langgezogenen Töne der riesigen, bis zu 4 m langen Hörner klingen wie aus einer anderen Welt. Aus dem Klostergebäude quellen Mönche in ihren roten Kutten. Vorneweg die Musik und Novizen mit gelben Ehrenschirmen, bunten Bannern und qualmenden Räuchergefäßen. Auf den Schultern der Mönche ein etwa 30 m langes, in weiße Baumwolle gehülltes Rollgemälde, ein Thanka. Wie eine lange Schlange windet sich das Stoffbild durch die engen Gassen der Klosterstadt. Die Gläubigen entblößen ihre Häupter, falten die Hände, drängen nach vorne. Sie versuchen beim Transport zu helfen oder das Thanka wenigstens zu berühren.

Lhasa Nach einer kurzen Prozession beinahe im Laufschritt ist der Festplatz erreicht. Das Thanka wird umgeben von einer Menschentraube auf einen steilen, eigens planierten Hügel geschleppt. Wieder Trommeln, Becken und Hörner.

Die Menge hält den Atem. Dann wird die Verschnürung gelöst. Zuerst langsam, dann immer schneller rollt das riesige, 20 x 30 m große Bild nach unten. Der gelbe Stoff, der das heilige Bild schützt, wird von oben mit Seilen hochgezogen. Darunter erscheint zusammengesetzt aus zahllosen farbigen Seidenstücken Buddha, gütig lächelnd, ein Symbol der Liebe und des Mitgefühls mit allen.

Das ehrfürchtige Schweigen wird von Jubel abgelöst. Gebannt hängen die Augen der Menschen an dem riesigen Buddhabild. Wie auf Kommando werfen sie weiße Glücksschleifen, Katas genannt, auf das Rollbild, um ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Manche werfen sich angesichts des heiligen Bildes zu Boden. Hunderte drängen zum Thanka, wollen es mit der Stirn berühren, ein alter Brauch mit dem Tibeter alles Verehrenswerte begrüßen. So nehmen sie etwas von der geistigen Kraft des großen Weisen in sich auf und sichern sich Glück und Segen für ein weiteres Jahr. Kleine Kinder werden gegen den unteren Rand des Thanka gedrückt, besonders Eifrige versuchen unter dem Rollbild hochzukriechen, um das Zentrum des Buddha zu erreichen. Viele sind von weither gekommen, zu Fuß, mit LKWs und klapprigen Bussen. Ihre Kleider aus dicken Stoffen und Fellen riechen nach Rauch und ranziger Butter.

Die Frauen tragen all ihren Schmuck aus Türkisen und Korallen, ihre Haare sind zu 108 Zöpfchen geflochten, 108 ist die heilige Zahl im tibetischen Buddhismus. Sie drehen ihre Gebetszylinder und murmeln "Om mani peme hum", "O Juwel in der Lotosblüte". tibetisches Lebensrad

Vollmond im Mai

Das Kloster Kumbum im Nordosten Tibets, 2500 m hoch gelegen, feiert wie viele andere tibetische Klöster den Geburtstag des Erleuchteten am Vollmondtag des Monats Mai wie seit Jahrhunderten, nur daß sich jetzt chinesische Uniformen und die dunklen Anzüge der Funktionäre unter die Pilger mischen. Die Begeisterung und Gläubigkeit der Menschen hat sich nicht geändert. Das Festhalten an ihren alten Traditionen, die Geborgenheit in ihrer Religion gibt ihnen die Kraft und Gelassenheit für die Bewältigung der schwierigen Gegenwart.

Zu Vollmond gebar Königin Maya im 6. Jhdt.v.Chr. in Lumbini, im heutigen Nepal ein Kind, das wie kein anderer Mensch Asien prägen sollte. Jahre später wieder am Vollmondtag erlangte Siddharta, "der sein Ziel erreichen wird", die Erleuchtung. Unter einem Feigenbaum wurde er zum Buddha. Nach vielen Jahren des Umherziehens und Predigens starb er schließlich, wie die Legenden berichten, im Alter von 80 Jahren wiederum am Tag des Vollmonds im Mai. Kein Wunder, daß dieser Tag besonders heilig ist, daß in allen buddhistischen Ländern Asiens Feste gefeiert werden, besonders fremdartig, eindrucksvoll und farbenprächtig in den Himalayaländern.

Götter und Schutzgottheiten als Masken

Am Nachmittag ruft das Dröhnen der Becken, Trommeln und langen Hörnern die bunte Menge in den Hof des Klosters. Aus dem Tempeleingang drängen Tänzer in schweren, kostbaren Brokat-Gewändern mit einem Totenkopf auf der Brust und schwarzen, hohen Hüten mit einer Krempe aus Yakhaar. In den Händen halten sie einen Ritualdolch und eine Schädelschale. In langsamem, feierlichem Rhythmus, begleitet von Trommeln und Becken, umtanzen sie im Uhrzeigersinn den Festplatz und reinigen ihn mit ihren magischen Kräften von allen bösen Einflüssen. Trommeln und Becken begleiten die Tänzer. Die endlose Wiederholung derselben Töne im selben Rhythmus soll das Bewußtsein der Zuschauer befreien, es für eine andere Dimension öffnen.

Ihnen folgen die Citipati, die "Herren der Leichenacker", mit Totenkopfmasken und Kostümen, auf denen das Skelett gemalt ist. Barfüßig hüpfen sie in einem magischen Kreis von einem Bein auf das andere.Sie stellen die Vergänglichkeit dar und erinnern die Zuschauer an den physischen Tod am Ende jedes menschlichen Lebens und an den Kreislauf der Wiedergeburten.

Bei Klosterfesten im tibetischen Kulturraum treten Götter und Schutzgottheiten, die sonst als Malerei und Skulptur im Inneren der Klöster gegenwärtig sind, in der Person von Mönchen mit Masken auf. Die Mönche verwandeln sich nach tagelangen Meditations- und Gebetsübungen mit Hilfe von Masken, sorgfältig ausgeführten Tanzschritten, rituellen Gesten und Ritualgegenständen äußerlich und innerlich in übernatürliche Wesen. Sie sehen auch nicht durch die Augen der Masken, die bleiben den Gottheiten vorbehalten, sondern durch den Mund. Diese Maskentänze, Cham genannt, vermitteln seit Jahrhunderten geschichtliche Ereignisse und die Mysterien der Religion, denn der einfache Bauer und Nomade braucht solche Hilfen, um die abstrakte Lehre verstehen zu können. Im Vordergrund aller Tänze steht der Sieg des Guten über das Böse.

Erlösung bedeutet Vernichtung des Ego

Kultischer Höhepunkt jedes Klostefestes ist die Opferung des Linga, einer kleinen menschlichen Figur, in die zuvor in langen Ritualen das Böse gebannt wurde. Furchterregende dunkelblaue und rote Masken mit aufgerissenem Mund, langen Reißzähnen, dem dritten Auge der Weisheit auf der Stirn und mit Totenschädelkronen umtanzen im "Donnerkeilschritt" lange die Figur. Ein Bein wird emporgehoben, der Oberkörper gegen den Boden geneigt und verdreht. Die Kostüme wehen gespenstisch um die Figuren. Sich drehend schwingen die Tänzer den Phurbu, den Ritualdolch, mit dem die Geister festgenagelt werden sollen.

Immer schneller wird der Rhythmus, immer lauter, drängender die Musik, bis sich der stierköpfige Yamantaka, der Bezwinger des Totengottes Yama, aus dem Kreise löst, in rasendem Tanz Kopf und Oberkörper nach links und rechts, vorwärts und rückwärts dreht und wendet. Schließlich hackt er mit seinem langen Schwert die menschliche Figur in Stücke. Im Triumph drehen sich alle Figuren immer wieder im Kreise und umrunden den Platz.

Im Buddismus hat dieses Ritual, das an die früheren Menschenopfer erinnert, um Geister und Dämonen günstig zu stimmen, eine ganz andere Bedeutung erhalten. Nur durch das symbolische Opfer des Körpers, des Ich, wird der Weg frei zur Erlösung, zu einem bleibenden Glück, zu einem Zustand jenseits von Leben und Tod. Yamantaka ist eine furchterregende Form des Bodhisattva der Weisheit. So erhält der Sieg über den Tod noch einen tieferen Sinn: Mit der richtigen Lehre, der richtigen Sicht der Dinge wird der Tod besiegt, der Tod, der nur diejenigen bedrohen kann, die im Kreislauf der Wiedergeburten verhaftet sind.

Gebannt, viele mit offenem Mund staunend, als sähen sie alles zum ersten Mal, als wäre es ungewiß, wer im Kampf der Schutzgottheiten gegen die Feinde der Religion triumphiert, folgen die Zuschauer den Ereignissen. Unbewußt gleiten die 108 Perlen der Gebetsschnur dabei durch die Finger, drehen sie ihre Gebetszylinder und murmeln ihr "Om mani peme hum".

Nur die Spaßmacher, die zwischendurch auftreten, um die Spannung zu lockern und allzu Eifrige von der Tanzfläche zurückzudrängen, lösen hin und wieder ein befreiendes Lachen aus. In diesen Pausen bleibt den Gläubigen auch Zeit, um Neuigkeiten mit Menschen auszutauschen, von denen sie sonst durch hohe Bergketten oder windgepeitschte Hochebenen getrennt sind.

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Folgende Reisen in diese Region werden derzeit ausgearbeitet:

  • 27.01. - 13.02.2018 / Neujahrsfeste in Osttibet
  • 07 2018 / Feste in Osttibet (letztmals mit Prof. Först!)
  • 07 2018 / Amdo intensiv mit Festen
  • 09 2018 / Kailash

Fotoalben aus dieser Region:

Losarfest in Osttibet
Tibet
Amdo-Kham-Durchquerung
Feste in Zentraltibet
Nomaden & Schamanenfeste
Amdo-Kham-Durchquerung II
Der Heilige Berg Kailas und Westtibet
Tibet overland
Tibet
Westtibet 2008 I
Westtibet 2008 II
Neujahrsfeste 2009 / Dong und Miao
Neujahrsfeste 2009 / Tibeter I
Neujahrsfeste 2009 / Tibeter II
Kulturreise Westtibet - Landschaften und Menschen
Kulturreise Westtibet - Kultur
Zentraltibet 2009 - Landschaften und Menschen
Zentraltibet 2009 - Zeremonien
Zentraltibet 2009 - Maskentanz und Thanka
Ladakhs Changthang
Feste in Ladakh
Neujahrsfeste 10 Dong+Miao
Neujahrsfeste 10 Tibeter Repkong
Neujahrsfeste 10 Tibeter Langmusi + Labrang
Feste Zentraltibet 2010 Tsurphu/Ganden/Talung
Feste Zentraltibet 2010 Lhasa und Umgebung
Feste Zentraltibet 2010 Gyantse/Shigatse/Sakya
Kham 2010 I
Kham 2010 II
Kulturreise Westtibet
Tibet overland 2011
Osttibet 2012
Neujahrsfeste in Osttibet 2017

Alle Reiseberichte aus dieser Region: