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KAMCHATKA

die vergessene Welt

Text und Fotos © Fred Vnoucek

Das ‚Ende der Welt’, die russische Halbinsel Kamchatka. Bis in die Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts – aufgrund der sensiblen Lage zwischen Russland, den Vereinigten Staaten und Japan - ein militärisches Sperrgebiet, öffnet sich diese für lange Zeit ‚verlorene Welt’ langsam dem interessierten Reisenden.

Viele Flugstunden und elf Zeitzonen liegen hinter mir, als ich am Airport von Petropavlovsk –m Kamchatsky erstmals den Boden dieser östlich von Sibirien gelegenen riesigen Halbinsel betrete. Der Chef der örtlichen Agentur holt persönlich ab, begleitet von einer Dolmetscherin. Das Hotel ist nett und gemütlich, die Stadt atmet überall ihre kommunistische Vergangenheit.

Viel hat sich verbessert seit der Öffnung in den Neunziger Jahren, und auch der aufblühende Tourismus hinterlässt seine ersten Spuren. Man bekommt Postkarten, Souvenirs, und alle Gegenstände des täglichen Gebrauchs sind überall erhältlich. Inzwischen hat der Euro als beliebtes Zahlungsmittel den Dollar überholt, außerhalb der Stadt benötigt man jedoch Rubel, und nur ‚Bares ist Wahres’.

Eine Nacht zum ausschlafen, und dann geht es bereits los, mit einem allradbetriebenen ehemaligen Lastwagen – nun zu einer Art Bus umgebaut – geht es nach Norden. Nach zweihundert Kilometer endet die asphaltierte Strasse. Die Sitze in der Passagierkabine sind leidlich bequem, so dass auch die Schotterstrasse kein Problem für die Reisenden darstellt. Eine Nacht noch in kleinen, urigen Holzhüttchen, natürlich ohne jeglichen Komfort, und dann geht es los in die Wildnis Zentralkamchatkas. Einige Flüsse und verschlammte Passagen sind zu queren, ehe wir das Tolbachik Massiv erreichen. Sogleich kann man erkennen, warum hier die Soviets ein Trainingslager für Kosmonauten unterhalten haben (nur noch Ruinen sind davon übrig), und die Vielfalt der Landschaften beeindruckt. Schwarzer und Roter Sand, Lavakegel, abgestorbene Wälder und schroffe Felsen wechseln sich ab. Dazwischen zeigt unsere ‚Mutter Erde’ immer wieder, dass es unter der Oberfläche noch gewaltig aktiv hergeht.

Am Tolbachik übernachtet man in Kuppelzelten, auf einem sehr einfachen Campingplatz. Das Essen aus der Campingküche ist gut und reichlich, die Tage sind – je nach Wetter – ausgefüllt mit Aktivitäten. Es gibt keine sanitären Anlagen. Jede Mühe wird aufgewogen durch die gigantische Landschaft, und das Gefühl tatsächlich in einer ‚verlorenen Welt’ zu sein. Beinahe einen Tag benötigt man, um die kleine Ortschaft Esso zu erreichen, wo es wieder Gästehäuser mit richtigen Betten und warme Duschen gibt. Nach einer kleinen Stärkung besuche ich eine Folklore Darbietung der örtlichen Tanzgruppe ‚Nulgur’, dann geht es wieder recht früh ins Bett, da der Helikopterflug zu den Rentier-Nomaden für den nächsten morgen vorgesehen ist.

Wie so oft in Russland, bedeutet ‚Reisen’ gleichzeitig ‚warten’, wir sind am Morgen bereit, jedoch heißt es abwarten, es gibt noch kein ‚ok’ von den Piloten, der Morgennebel scheint zu dicht zu sein. Es wird früher Nachmittag, ehe wir abheben und dann nach fast zwei Stunden die Jurten der Nomaden und die riesige Rentier-Herde von oben ausmachen können. Sanft setzt uns der riesige alte Militär-Hubschrauber in einiger Entfernung vom Camp ab, kaum ist unser Gepäck und Ausrüstung ausgeladen ist der Hubschrauber auch schon wieder verschwunden … zurück bleiben die Reisenden mit dem Versprechen, in 2 Tagen wieder abgeholt zu werden. Das Wetter ist ausgezeichnet, der Himmel blau. Das Zelt-Camp ist rasch errichtet, jeder hilft mit. Während das Küchenteam sich ans Werk macht, durchstreife ich das erste Mal die Umgebung und es gelingen einige schöne Aufnahmen im Nachmittagslicht. Nach dem Essen sitzt die Gruppe mit den Nomaden und der Dolmetscherin: Nicht nur die Touristen - auch die Gastgeber - haben Fragen, und es wird rege übersetzt.

Früh bricht der Tag an, wieder wunderbares Wetter. Man kann die Menschen bei ihrer täglichen Arbeit beobachten, alles dreht sich um die Rentiere. Die Fähigkeiten mit dem ‚Lasso’ lassen jeden amerikanischen Cowboy vor Neid erblassen. Nach dem Mittagessen ziehen Wolken auf, und dann kommt schon der Funkspruch: der Helikopter kommt bereits heute, da einige Tage Schlechtwetter zu erwarten sind. Nun muss es rasch gehen, als das Camp abgebrochen ist und das Gepäck versorgt, hört man bereits in der Ferne das Knattern der Rotoren. So heißt es Abschied nehmen von den neuen Freunden, wenige Stunden später genießen wir die hauseigene Sauna unseres Gästehauses in Esso.

Nach einem entspannendem Tag, mit allen Annehmlichkeiten der Zivilisation, stehen die Zeichen wieder für Aufbruch. Mit dem ‚Geländebus’ geht es nun wieder nach Süden. Vorbei an Vulkankegeln und am Kamchatka Fluss, erreichen wir nach langen Stunden wieder Petropavlovsk. Der Abend endet bei Sascha, einer lokalen Größe im Unterhaltungsbereich. Sascha musiziert, singt, gibt seine Anekdoten zum besten (Dolmetscher ist immer dabei!) und dass alles garniert mit einem netten Abendessen und dem Einen oder Anderen Fläschchen Wodka. Wodka ist hier kein Getränk, dass ist Kultur, Lebensstil, Bestandteil des täglichen Lebens. Danach werden alle in guter Laune und mehr oder weniger gutem Allgemeinzustand zurück ins Hotel gebracht, wo man dann so richtig gut ausschlafen kann.

Nun geht es per Schiff – der ‚’Kathlyn’ – raus auf die Avacha Bay, and fingerförmigen Felsen vorbei geht es zu einer kleinen Vogelinsel, wo man neben Seevögeln vielleicht auch Robben sehen kann. Manchmal verirren sich auch Orcas in die Nähe, dass ist dann schon großes Glück. Häufiger passiert es, dass man eines der beeindruckenden russischen Atom-U-Boote zu Gesicht bekommt, gegenüber von Petropavlovsk befindet sich ein großer Stützpunkt der Pazifikflotte, und in der Avacha Bay werden regelmäßig Manöver abgehalten. Vom Hafen geht es dann direkt in die Stadt, um Erledigungen im Souvenir- und im Outdoor-Shop zu erledigen. Es steht ja noch der Aufenthalt am Kurillen-See auf dem Programm, und wie man hört, sind dort Gummistiefel von großem Wert. Vorher jedoch wartet einer der absoluten Höhepunkte: der Hubschrauberflug in das Tal der Geysire!

Wieder heißt es erstmal warten, aber diesmal dauert es nicht lange. Vorbei an aktiven Vulkanen, rauchenden Schloten und unendlichen Wäldern geht es zum Kronotsky Nationalpark. Die erste Landung findet in der Uzon Caldera statt, ein halbstündiger Rundgang führt zu Schlammbecken, heißen Quellen und zeigt bereits die ganze Farbenpracht des kommenden Herbstes. Nur wenige Minuten dauert der Flug von der Caldera direkt hinein in das ‚Tal der Geysire’. Hier gischt und kocht es allerorts, und aus den Geysiren zischen Fontänen haushoch in den blauen Himmel über dem Tal. Knapp zwei Stunden stehen zur Verfügung, um auf gut befestigten Wegen dieses Naturwunder zu ‚erwandern’, ehe an den Heimflug zu denken ist.

Inzwischen bin ich – ebenso wie meine Mitreisenden – das fliegen in den alten russischen MI8 Hubschraubern gewöhnt, deswegen ist der Flug von Petropavlovsk zum Ksudach Vulkan bereits Routine. Am Kraterrand vom Hubschrauber abgesetzt, geht es ungefähr eine Stunde in einer Stunde Fußmarsch zu einem See. Dort ist ein Imbiss vorbereitet, und der Hubschrauber parkt am Seeufer. Es ist schon ein bisschen elitär, so zu reisen …. Man kann sich daran gewöhnen Weitere zwanzig Minuten Flug, und unter uns glitzert die Oberfläche des Kurillen Sees, im äußersten Süden der Halbinsel Kamchatka. Nun ein Nationalpark, ist hier die Heimat der großen Kamchatka-Bären.

In einer eleganten Kurve nähert sich der riesige Hubschrauber ‚Grassy Point’, einer kleinen Halbinsel. Darauf befindet sich eine Ranger-Station und eine Blockhütte. In 3 Zimmern können maximal 14 Personen untergebracht werden, eine Toilette und Fliesswasser ist vorhanden. Dusche gibt es keine, allerdings ein original russisches Dampfbad, das von den Rangern hin und wieder gegen eine kleine Gebühr geheizt wird. Die kleine angeschlossene Küche stellt die Versorgung sicher. Die Halbinsel ist zwar von einem Elektrozaun geschützt, trotzdem kommen beinahe täglich Bären in unmittelbare Nähe der Hütte.

Nun, deswegen besucht man doch den Kurillen-See, hier gibt es mehr Bären als Menschen, bis zu fünfhundert sollen sich während der Lachszüge um den See herum aufhalten. Wassili und seine Frau, beide Nationalparkranger, betreuen uns hervorragend. Täglich geht es zum nahegelegenen Beobachtungsturm, von wo aus man eine Flussmündung beobachten kann. Fast ständig ist diese Flussmündung von Braunbären regelrecht ‚belagert’, einmal habe ich mehr als zwanzig Stück gezählt. Eine einmalige Gelegenheit um diese riesigen Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten zu können, meistens noch dazu sehr aktiv. Kaum wagt sich ein mutiger Lachs flussaufwärts, stürzt ein Bär los und versucht den Lachs zu fangen, was häufig auch gelingt. Die Ranger bieten auch Wanderungen entlang des Flusses an, was oft zu sehr ‚spannenden’ und hautnahen Begegnungen führt. Ein Eldorado für Videofilmer und Fotografen. Ich habe schon oft die Gelegenheit gehabt, Bären jeder Art zu beobachten, aber noch nie so eindrucksvoll und ursprünglich wie hier in Kamchatka.

Die Tage verfliegen, und bald nähert sich mein Besuch der Halbinsel Kamchatka seinem Ende. Ein letzter Höhepunkt sind Landungen im Krater des Vulkans Mutnovski und ein kurzer Aufenthalt mit Bademöglichkeit bei den heißen Quellen von Khodutka. Es muss perfektes Flugwetter und Windstille herrschen, wenn die Piloten den Flug in den aktiven Krater wagen wollen. Zuerst schraubt sich der Heli die äußere Kraterwand hoch, und dann geht es durch einen engen Spalt in den Hauptkrater.

Hier landen wir, und haben eine halbe Stunde Zeit um zwischen den Schwefelablagerungen und Fumarolen herum zu wandern. Ein unbeschreibliches Erlebnis. Bei der nächsten Landung am Khodutka Fluss wartet schon ein Imbiss, dann kann man im bis zu 40 Grad heißen Wasser baden, mit Blick auf die umliegenden Vulkane. Als ich dann während der letzten Flugetappe – zurück nach Petropavlovsk – im Helikopter sitze, wandern meine Gedanken vom Tolbachik Massiv zu den Rentierherden und Nomaden, vom Tal der Geysire zu den Braunbären am Kurillen See, das alles eingebettet in die herzliche russische Gastfreundschaft. Mit hohen Erwartungen bin ich nach Kamchatka gereist, diese wurden bei weitem übertroffen. Spassibo Kamchatka!

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