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Monlam - Das große Gebet



Text und Fotos: Prof. Hans Först

Auf den eisigen Hochebenen der ehemaligen tibetischen Nordostprovinz Amdo im heutigen chinesischen Qinghai und Gansu wird jedes Jahr im Februar der Beginn des tibetischen Jahres mit einer Intensität, Farbenpracht und Atmosphäre gefeiert, die überrascht und tief beeindruckt.

Mönlam in Labrang oder Tongren, das bedeutet einmalige Atmosphäre, Gläubigkeit, die alles bisher in Tibet Erlebte weit übertrifft, eine Ahnung von Tibet, wie es einmal war. Reiseveranstalter haben diese Destination noch nicht entdeckt. Die Anfahrt über fast 4000 m hohe Pässe auf ungeräumten Pisten, manchmal über blankes Eis, natürlich ohne Ketten, ohne Pannenhilfe, Verkehrsfunk und andere Annehmlichkeiten, die für Mitteleuropäer selbstverständlich sind, zur Festzeit überfüllte "Hotels" und Guesthouses, die trotz eisiger Temperaturen nur für wenige Stunden "andeutungsweise" geheizt werden, Restaurants, in denen man mit Daunenjacke und Wollhaube sitzt, und täglich engste Tuchfühlung mit Nomaden, die nach Rauch und ranziger Butter riechen, kann man Normaltouristen nicht zumuten. Gott sei Dank!

Der Tag des großen Bildes

Nur einmal im Jahr, am 13. Tag des Mönlam, des Neujahrsfestes wird das große Thanka, das größte religiöse Rollbild des Klosters Labrang für wenige Stunden gezeigt. Das lange Warten hat sich gelohnt. Plötzlich, ohne jede Ankündigung ertönen Trommeln, Tschinellen, Knochentrompeten und Posaunen. Aus dem Klostergebäude quellen Mönche in ihren roten Kutten. Vorneweg die Musik und Novizen mit gelben Ehrenschirmen, bunten Bannern und qualmenden Räuchergefäßen. Auf den Schultern der Mönche ein etwa 30 m langes, in weiße Baumwolle gehülltes Rollgemälde, ein Thanka. Wie eine lange Schlange windet sich das Stoffbild durch die engen Gassen der Klosterstadt. Die Gläubigen entblößen ihre Häupter, falten die Hände, drängen nach vorne. Sie versuchen beim Tranpsort zu helfen oder das Thanka wenigstens zu berühren. Das viele Zentner schwere Rollbild zu tragen, bringt Segen.

Nach einer kurzen Prozession beinahe im Laufschritt ist der Festplatz erreicht. Das Thanka wird auf einen steilen, mit Steinen ausgelegten Hügel geschleppt. Dann erscheint unter einem gelben Schirm das Oberhaupt des Klosters Labrang, Jamyang Rinpoche, die 6. Wiedergeburt des Klostergründers. Ein lebender Buddha, einer der nach seinem Tod aufs Eingehen ins Nirvana verzichtet hat, um wiedergeboren zu werden und anderen den Weg zur Erlösung zu weisen.

Nun wird die Verschnürung gelöst. Zuerst langsam, dann immer schneller rollt das riesige, 20 x 30 m große Bild nach unten. Zusammengesetzt aus zahllosen farbigen Seidenstücken erscheint Buddha, gütig lächelnd, ein Symbol der Liebe und des Mitgefühls mit allen. Ein Mönch singt mit einer Stimme, die aus der Tiefe der Erde und nicht aus einer menschlichen Brust zu kommen scheint, Bitten um Segen, um eine gute Ernte, um ein gutes Jahr.

Das ehrfürchtige Schweigen wird von Jubel abgelöst. Gebannt hängen die Augen der Menschen an dem riesigen Buddhabild. Wie auf Kommando werfen sie weiße Glücksschleifen, Katas genannt, auf das Rollbild, um ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Manche werfen sich angesichts des heiligen Bildes zu Boden. Dann ist kein Halten mehr. Hunderte drängen zum Thanka, wollen es mit der Stirn berühren, ein alter Brauch mit dem Tibeter alles Verehrenswerte begrüßen. So nehmen sie etwas von der geistigen Kraft des großen Weisen in sich auf und sichern sich Glück und Segen für ein weiteres Jahr.

Götter und Schutzgottheiten als Masken

Am Morgen des 14. Tages ruft das Dröhnen der Becken, Trommeln und langen Hörnern die bunte Menge in den Hof des Klosters. Aus dem Tempeleingang drängen Tänzer in schweren, kostbaren Brokat-Gewändern mit einem Totenkopf auf der Brust und schwarzen, hohen Hüten mit einer Krempe aus Yakhaar. In den Händen halten sie einen Ritualdolch und eine Schädelschale. In langsamem, feierlichem Rhythmus umtanzen sie im Uhrzeigersinn den Festplatz und reinigen ihn mit ihren magischen Kräften von allen bösen Einflüssen. Trommeln und Becken begleiten die Tänzer.

Bei Klosterfesten im tibetischen Kulturraum treten Götter und Schutzgottheiten in der Person von Mönchen mit Masken auf. Die Mönche verwandeln sich nach tagelangen Meditations- und Gebetsübungen mit Hilfe von Masken, sorgfältig ausgeführten Tanzschritten und Ritualgegenständen äußerlich und innerlich in übernatürliche Wesen. Diese Maskentänze, Cham genannt, vermitteln seit Jahrhunderten geschichtliche Ereignisse und die Mysterien der Religion. Im Vordergrund aller Tänze steht der Sieg des Guten über das Böse.

Erlösung bedeutet Vernichtung des Ego

Kultischer Höhepunkt jedes Klostefestes ist die Opferung des Linga, einer kleinen menschlichen Figur, in die zuvor in langen Ritualen das Böse gebannt wurde. Furchterregende dunkelblaue und rote Masken mit aufgerissenem Mund, langen Reißzähnen, dem dritten Auge der Weisheit auf der Stirn und mit Totenschädelkronen umtanzen im "Donnerkeilschritt" lange die Figur. Die Kostüme wehen gespenstisch um die Figuren. Sich drehend schwingen die Tänzer den Phurbu, den Ritualdolch, mit dem die Geister festgenagelt werden sollen.

Immer schneller wird der Rhythmus, immer lauter, drängender die Musik, bis sich der stierköpfige Yamantaka, der Bezwinger des Totengottes Yama, aus dem Kreise löst, in rasendem Tanz Kopf und Oberkörper nach links und rechts, vorwärts und rückwärts dreht und wendet. Schließlich hackt er zum erlösenden Finale mit seinem langen Schwert die menschliche Figur in Stücke. Im Triumph drehen sich alle Figuren immer wieder im Kreise und umrunden den Platz.

Dann wird der große Opferkuchen mit den Resten der Teigfigur unter ohrenbetäubendem Lärm von Knallkörpern, Böllern und Schüssen aus Kalaschnikows und Pistolen auf einem nahegelegenen Acker verbrannt. Jubel bricht aus. Mit dem Feuer entlädt sich die Spannung. Nun sind die Menschen von bösen Kräften befreit, einem glücklichen Jahr 2127 steht nichts mehr im Wege.

Das Butterfest

Der 15. Tag, die erste Vollmondnacht nach Neujahr heißt Butterfest. Wochenlang waren Mönche damit beschäftigt, aus gefärbter Yakbutter Ornamente und Figuren aus dem reichen buddhistischen Pantheon herzustellen. Die kunstvollen, bis zu 5 m hohen Gebilde werden an Gerüsten befestigt und am Abend des 15. Tages für eine einzige Nacht ausgestellt. In langen Scharen ziehen Mönche und Gläubige vorbei, um Segen und Trost mitzunehmen für ein weiteres Jahr auf den weiten Hochebenen. Das Gedränge ist beängstigend. Nach Wochen der Einsamkeit genießen die Nomaden sichtlich die enge Tuchfühlung mit anderen. Mit Genuß wird gedrängt und gestoßen.

Kälte und Strapazen sind vergessen. Ich fühle mich ins alte Tibet zurückversetzt, in ein Tibet, von dem ich dachte, daß es nur mehr in der Erinnerung und in Büchern existiert. Die Begeisterung und Gläubigkeit der Menschen hat sich nicht geändert. Dieses Festhalten an ihren alten Traditionen, die Geborgenheit in ihrer Religion gibt den Tibetern Kraft und Gelassenheit für die Bewältigung der schwierigen Gegenwart.

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