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Faszination Tibet


Text und Bilder: Prof. Hans Först

Über kein anderes Land auf der Welt wurden so viele Bücher und Artikel geschrieben, kein anderes Land hat die Phantasie der Menschen so angeregt wie Tibet. Generationen von Reisenden versuchten unter heute unvorstellbaren Bedingungen und Entbehrungen die eisgepanzerten Himalayapässe zu überschreiten, um das "verbotene Land" zu erreichen.

Lhasa Nebelschwaden, der Rauch von unzähligen Wacholderfeuern und das Gemurmel der Gläubigen schaffen eine mystische Atmosphäre. Tausende haben sich versammelt. Sie sind zu Fuß, mit LKWs und klapprigen Bussen gekommen, um in Ganden das Klosterfest zu erleben.

Ganden auf 4300 m Höhe, wo Tsongkapa, der große Reformator und Begründer der Gelugpa das erste Kloster dieser bis heute bedeutendsten Schule des tibetischen Buddhismus gegründet hat, wurde von den Roten Garden während der Kulturrevolution wie die meisten anderen Klöster völlig zerstört. In mehr als 10jähriger Arbeit wurden seither die wichtigsten Gebäude wieder aufgebaut. Jetzt wartet die Menge, daß das riesige applizierte Rollbild Buddhas an der roten Mauer gezeigt wird.

Endlich ist es soweit. Trommeln, Becken, Posaunen und ausgelassene Jubelschreie ertönen. Die tiefen, langgezogenen Töne der riesigen, bis zu 4 m langen Hörner klingen wie aus einer anderen Welt. Aus dem Klostergebäude quellen Mönche in ihren roten Kutten. Auf ihren Schultern ein etwa 20 m langes Rollgemälde, ein Thanka. Wie eine lange Schlange windet sich das Stoffbild durch die engen Gassen der Klosterstadt. Die Gläubigen entblößen ihre Häupter, falten die Hände, drängen nach vorne. Sie versuchen beim Transport zu helfen oder das Thanka wenigstens zu berühren.

An der roten Mauer wird die Verschnürung gelöst, das Thanka entrollt. Aus zahllosen farbigen Seidenstücken zusammengesetzt erscheint Buddha, gütig lächelnd. Gebannt hängen die Augen der Menschen an dem riesigen Buddhabild. Jubel brandet auf. Blick auf den Potala Palast

Wie auf Kommando werfen sie weiße Glücksschleifen, Katas genannt, auf das Rollbild, um ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Dann ist kein Halten mehr. Hunderte drängen zum Thanka, wollen es mit der Stirn berühren, ein alter Brauch mit dem Tibeter alles Verehrenswerte begrüßen. So nehmen sie etwas von der geistigen Kraft des großen Weisen in sich auf und sichern sich Glück und Segen für ein weiteres Jahr.

Nach den Terrorjahren der Kulturrevolution wurde in den 80er Jahren in Tibet eine Liberalisierung eingeleitet. Für Chinesen völlig überraschend begann eine kulturelle Renaissance und ein Wiedererstehen traditioneller Bräuche. Es schien, als hätte die Religion nur einen langen Winterschlaf gehalten. Die Tibeter machten sich ans Werk mit einfachsten Mitteln und großem körperlichem Einsatz das wieder aufzubauen, was einmal die Basis ihres Lebens war.

Doch manches, wie z.B. das Aussehen der Hauptstadt Lhasa, hat sich in beängstigendem Tempo verändert. Heinrich Harrer würde das "Traumziel", das erst 1661, eineinhalb Jahrhunderte nach der Entdeckung Amerikas von einem Europäer betreten wurde, nicht mehr wiedererkennen. Anläßlich des 30. Jahrestages der Gründung der Autonomen Region Tibet hat man 1995 das alte Viertel Shö unterhalb des gewaltigen Potala geschliffen und einen riesigen Platz angelegt, um der Stadt ein modernes Aussehen zu geben. Schon vorher hatte man nach dem Plan "Lhasa 2000" vor dem Jokhang, dem "Haus des Herrn", die alten Gebäude abgerissen, um einen großen, neuen Platz mit Sitzbänken und modernen Kugellampen zu schaffen. Gesichtslose Neubauten im Einheitslook, breite Straßen, Reklamen, Discos, Videotheken mit Soap-operas und Kung-Fu-Filmen und ein Verkehrschaos prägen heute das Bild und Leben der Stadt.

Der erste Eindruck von der Stadt in der ungewöhnlichen Höhe von 3600 m ist für Besucher, die noch dazu unter Kopfschmerzen und Übelkeit leiden, daher meist enttäuschend. Knapp nach 9 und dann wieder nach 3 wiederholt sich täglich das gleiche Schauspiel an den Touristenattraktionen. Busse bringen die Gruppen aus dem klimatisierten Hotel, und die Händler stürzen sich auf sie, um ihre Andenken an den Mann/die Frau zu bringen. Die Türkise sind zwar von schlechter Qualität, aber echt, die Korallen jedoch und vor allem die Gzi-Steine, die Glückssteine der Tibeter, sind fast alle gefälscht.

Das Geschäft am Parkhor blüht. Das Angebot reicht von Teppichen, Butterlampen, Fellen und neuen religiösen Gegenständen bis zu Schuhen, Kleidung in grellen Farben und Gefäßen aus Plastik. Nur Antiquitäten findet man nur noch selten, Lhasa ist ausverkauft. In Kathmandu hörte ich von Händlern, daß Nepali und Tibeter körbeweise neue Figuren und Ritualgegenstände nach Tibet schaffen, um sie dort gegen harte Dollars an leichtgläubige Touristen zu verkaufen. Wer würde auch schon vermuten, daß eine ruß- und butterverschmierte Buddhastatue, die verstohlen aus einer Chuba hervorgeholt wird, nur wenige Monate vorher in Nepal gegossen worden ist? Dennoch wird am Flughafen Gongkar streng mit Röntgen kontrolliert (die Ausfuhr von allem, was älter als 50 Jahre ist, ist verboten!)

Der interessierte Reisende, der über genügend Zeit verfügt und nicht anspruchsvoll ist, was Unterkunft und Verpflegung betrifft, kann jedoch noch das "alte Tibet", das er aus Bücher und Berichten kennt, finden, z.B. im Nomadenland des Changthang. Hier ist die Landschaft so, wie man es sich vorstellt, wenn man an das "Dach der Welt" denkt. Es ist ein Land der einsamen Weite und beklemmenden Stille, in dem Farben und Stimmungen mit den weißen Wolken in einem tiefblauen Himmel schnell wechseln.

Hier trifft man noch auf Nomaden, deren Gesichter vom Butterfett glänzen, das gegen Kälte, Sonne und Wind schützt. Viele tragen auf der Brust Amulettkästchen, gefüllt mit geweihten Körner, Wollfäden, Schriften und kleinen Statuen. Ohne den Yak, den tibetischen Grunzochsen, der sich nur in Höhen über 3600 m wohlfühlt, wäre ihr Überleben nicht vorstellbar. Alles von ihm ist verwendbar. Die fette Milch liefert die Butter für Tee, Lampen, Opfergaben in den Klöstern und dient als Hautcreme (!). Die langen Haare geben feste Seile. Das dichte Bauchhaar wird versponnen und zu Stoffen und Zeltbahnen gewebt. Die schönsten Hörner werden zu Trinkbehältern und Schnupftabakdosen verarbeitet. In den Yakmagen näht man zum Transport die Butter ein. Das dichte Leder dient als Material für Schuhsohlen, Behälter und Boote. Das Fleisch wird in der kalten, keimfreien Luft getrocknet und ist in dieser Höhe praktisch unbegrenzt haltbar. Und gäbe es nicht den getrockneten Yakmist, könnte man auf dem Dach der Welt auch nicht kochen.

Vielleicht wird man sogar zu Buttertee, dem berühmt berüchtigten "bödscha" eingeladen. Tee wird mit Butter und stark sodahaltigem Salz in einem hohen, zylinderförmigen Gefäß verquirlt. Bödscha vermischt mit Gerstenmehl gibt den Tibetern fast alles, was sie in dem kalten Höhenklima brauchen. Kein Zelt und kein Haus ohne eine Kanne mit Buttertee. Tagesration: unglaubliche 30 - 40 Tassen! Der Geschmack hängt natürlich vom Reifezustand der Butter ab. Bei Nomadenbutter, die oft wochen-, ja monatelang in Yakmägen eingenäht unterwegs ist und schon eine grünliche Farbe angenommen hat, gehört schon eine ordentliche Portion Selbstverleugnung und Höflichkeit den Gastgebern gegenüber dazu, eine Tasse hinunterzuwürgen.

Lebendig wird das "alte Tibet" auch bei der oben beschriebenen Thankazeremonie oder bei Klosterfesten, die seit einigen Jahren wieder gefeiert werden. Da treten Götter und Schutzgottheiten, die sonst als Malerei und Skulptur im Inneren der Klöster gegenwärtig sind, in der Person von Mönchen mit Masken auf. Die Mönche verwandeln sich nach tagelangen Meditations- und Gebetsübungen mit Hilfe von Masken, sorgfältig ausgeführten Tanzschritten, rituellen Gesten und Ritualgegenständen äußerlich und innerlich in übernatürliche Wesen. Diese Maskentänze, Cham genannt, vermitteln seit Jahrhunderten die Mysterien der Religion, denn der einfache Bauer und Nomade braucht solche Hilfen, um die abstrakte Lehre verstehen zu können. Im Vordergrund aller Tänze steht der Sieg des Guten über das Böse.

Kultischer Höhepunkt jedes Klosterfestes ist die Opferung des Linga, einer kleinen menschlichen Figur, in die zuvor in langen Ritualen das Böse gebannt wurde. Furchterregende dunkelblaue, grüne und rote Masken mit aufgerissenem Mund, langen Reißzähnen und mit Totenschädelkronen umtanzen im "Donnerkeilschritt" die Figur. Die Kostüme wehen gespenstisch um die Figuren. Sich drehend schwingen die Tänzer den Phurbu, den Ritualdolch, mit dem die Dämonen festgenagelt werden sollen.

Aber auch in Lhasa selbst kann man außerhalb der "Touristenzeiten" eine Ahnung von der Faszination bekommen, die Tibet früher ausstrahlte. Wer daran interessiert ist, sollte auf das Lhasa-Hotel verzichten und sich in einem kleinen Hotel in der Nähe des Jokhang einquartieren. Für den Verzicht auf Komfort wird man reich belohnt. Spätabends, während die Lichter der Videotheken und Karaoke-Bars in der Chinesenstadt Lhasa blinken, und frühmorgens zieht ein Strom von Pilgern, alten und jungen, im Uhrzeigersinn um das spirituelle Zentrum, den Jokhang, Mittelpunkt der immer kleiner werdenden tibetischen Altstadt. "Om mani peme hum" ("O du Juwel in der Lotosblüte") murmeln hunderte Pilger. Die Geborgenheit dieser Menschen in der Religion, die ihr Leben bestimmt, ihm Sinn gibt und alle Phänomene erklärt, zeigt sich in einer inneren Fröhlichkeit. Ihr Lächeln macht sie jedem sympathisch, auch wenn man in Österreich wahrscheinlich einen weiten Bogen um manche dieser Gestalten machen würde.

Nirgendwo sonst kann man eine so tiefe und berührende Gläubigkeit erleben wie im Inneren des Jokhang. Eine lange Reihe von Gläubigen schiebt sich durch den dunklen Tempel, der fast nur von Butterlampen beleuchtet wird. Ihre Lippen murmeln, die 108 Perlen der Gebetsschnur gleiten durch die Fingern, die Rechte dreht den Gebetszylinder.

Im Dämmerlicht tauchen riesige Götterfiguren aus vergoldeter Bronze auf. Geduldig warten die Pilger, gießen da und dort ein wenig Öl nach, pressen ihre Stirn an die Statuen, behängen sie mit weißen Glücksschleifen und opfern kleine Geldscheine und Gerstenmehl. Es riecht betäubend nach Schweiß, nach brennendem Fett, ranziger Butter und Wacholder. Das langersehnte Ziel ihrer Wünsche, für das sie alle Strapazen auf sich genommen haben, ist die 1300 Jahre alte, mit unzähligen Türkisen, Korallen und Perlen geschmückte Statue des Jowo, Mitgift der chinesischen Gattin des tibetischen Königs Srongtsen Gampo im 7. Jhdt.. Viele haben Tränen in den Augen. Ein Mönch muß sie wegreißen, um den Nachdrängenden Platz zu schaffen. Immer neue Gesichter voll Gläubigkeit und Glück tauchen aus dem Dunkel.

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Folgende Reisen in diese Region werden derzeit ausgearbeitet:

  • 27.01. - 13.02.2018 / Neujahrsfeste in Osttibet
  • 07 2018 / Feste in Osttibet (letztmals mit Prof. Först!)
  • 07 2018 / Amdo intensiv mit Festen
  • 09 2018 / Kailash

Fotoalben aus dieser Region:

Losarfest in Osttibet
Tibet
Amdo-Kham-Durchquerung
Feste in Zentraltibet
Nomaden & Schamanenfeste
Amdo-Kham-Durchquerung II
Der Heilige Berg Kailas und Westtibet
Tibet overland
Tibet
Westtibet 2008 I
Westtibet 2008 II
Neujahrsfeste 2009 / Dong und Miao
Neujahrsfeste 2009 / Tibeter I
Neujahrsfeste 2009 / Tibeter II
Kulturreise Westtibet - Landschaften und Menschen
Kulturreise Westtibet - Kultur
Zentraltibet 2009 - Landschaften und Menschen
Zentraltibet 2009 - Zeremonien
Zentraltibet 2009 - Maskentanz und Thanka
Ladakhs Changthang
Feste in Ladakh
Neujahrsfeste 10 Dong+Miao
Neujahrsfeste 10 Tibeter Repkong
Neujahrsfeste 10 Tibeter Langmusi + Labrang
Feste Zentraltibet 2010 Tsurphu/Ganden/Talung
Feste Zentraltibet 2010 Lhasa und Umgebung
Feste Zentraltibet 2010 Gyantse/Shigatse/Sakya
Kham 2010 I
Kham 2010 II
Kulturreise Westtibet
Tibet overland 2011
Osttibet 2012
Neujahrsfeste in Osttibet 2017

Alle Reiseberichte aus dieser Region: