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Könige der Arktis

Die Eisbären der Hudson Bay

Reisebericht und Fotos von Fred Vnoucek


Winnipeg - die Hauptstadt des kanadischen Bundesstaates Manitoba - ist Ausgangspunkt der Linienflüge in den Norden des Landes, und gleichzeitig die letzte Möglichkeit, mich mit warmer Kleidung und Gegenständen des täglichen Bedarfes einzudecken. Am nächsten Tag fliege ich in die kanadische Arktis, nach Churchill an der Hudson Bay.

Bereits aus der Luft ist zu erkennen, daß keine Straße durch die Landschaft führt. Churchill ist nur mit dem Flugzeug oder der Eisenbahn zu erreichen, obwohl der Ort selbst über ein ausgebautes 'Binnen'strassennetz verfügt. Die Bahnfahrt von Winnipeg nimmt zwei Nächte und einen Tag in Anspruch, ist also etwas für Eisenbahnliebhaber. Nach mehrstündigem Flug lande ich auf dem kleinen Flugplatz. An einem bemalten Holzschild über der Eingangstür erkenne ich das unscheinbare Holzgebäude als den Flughafenterminal. Ein Traktor bringt das Gepäck vom Flugzeug und jeder Besucher, der bereits sein weiteres Transportmittel 'erspäht' hat schätzt sich glücklich, sind es doch einige Kilometer quer durch die Tundra bis in den Ort.

Polarbär-Baby Jeden Herbst, wenn das Meer gefriert, ist Churchill die 'Hauptstadt der Polarbären'. Einige hundert Tiere versammeln sich hier auf ihrem Weg nach Norden, um den Frost abzuwarten und dann so schnell wie möglich den Weg auf das Packeis zu suchen. Dort wird das Speisedefizit der Sommermonate ausgeglichen.

Gehören doch Robben zur bevorzugten Nahrung der riesigen Bären. Und die sind am einfachsten zu fangen, wenn sie zwischendurch zu ihren Atemlöchern kommen um Luft zu schöpfen. Aber auch vorsichtige Robben haben ein hartes Leben. Eisbären sind ausgezeichnete Schwimmer und Taucher und stürzen sich ohne Bedenken in die eisigen Fluten, um einen Leckerbissen zu ergattern. Dabei hält sie ein dichter Mantel aus Pelz und Fett auch über längere Zeit warm.

Bei der Abfahrtsstelle der 'Tundra Buggys' angekommen, steigt die Spannung. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis man den ersten Eisbären zu Gesicht bekommt - so hoffe ich jedenfalls. Vorher jedoch geht es mit dem beheizten Fahrzeug auf überdimensionierten Reifen viele Kilometer durch die Gegend. Schneefüchse und Caribous kreuzen den Weg des geländegängigen Wagens. Am Heck befindet sich - einige Meter hoch - eine geräumige und gesicherte Beobachtungsplattform im Freien.

Von hier aus kann man die Umgebung ohne Behinderung durch lästige Fensterscheiben beobachten. Spätestens jetzt sollte man bereits auf warme Kleidung zurückgreifen, kann doch der Temperaturunterschied zwischen beheizter Kabine und Plattform bis fünfzig Grad Celsius betragen.

Der umsichtige Fotograf oder Filmer wird auch Vorsorge für seine Batterien und Akkus treffen, ehe er sich auf 'Beobachtungsposten' begibt. Nach mehreren Füchsen, Polareulen und Caribous warte ich ungeduldig und erwartungsvoll auf die Bären. Wo bleiben sie ? Die unendliche Weite der Tundra ist kein Freilandzoo und es braucht seine Zeit, sich dem Rhythmus der Natur anzupassen. Wer sich entschieden hat, die mobile Lodge zu buchen, sieht jetzt erstmals welch glückliche Wahl er getroffen hat. Wer im Motel im Ort wohnt, verbringt die schönste Zeit des Tages, die Morgen- und die Abendstimmung, mit An- und Abreise zum Cape Churchill.

Die Bewohner der Tundra Lodge dagegen steigen über eine Art Zugbrücke vom Fahrzeug in die Lodge-Wagen um und verbringen so Tag und Nacht 'hautnah' unter den Eisbären. Die Anlage besteht aus einer Anhänger-Kombination mit Dusche und Toilette für ca. 20 Personen, wo man - ähnlich einem Eisenbahnschlafwagen - untergebracht ist. Das alles wird mit Traktoren zu Saisonbeginn auf das Kap geschleppt und nach einigen Wochen, am Saisonende, wieder weggebracht. Im Aufenthaltswagen befindet sich eine kleine Bar, eine Minibibliothek und ein Fernseher, zeitweise von einem Stromgenerator gespeist. Weiters besteht die Lodge noch aus dem Küchen- und Speisewagen, alles durch gesicherte Brücken miteinander verbunden. Die Verpflegung ist gut und reichhaltig, die Gespräche drehen sich natürlich um die Tiere, vor allem um die Bären. Die meisten Gäste kommen aus Nordamerika, nur eine Handvoll Europäer 'verirrt' sich zu diesem Punkt des Globus. Es ist auch nicht einfach, immerhin bedarf es einer Vorbuchungszeit von fast einem Jahr, um einen der begehrten Schlafplätze in der Lodge-on-Wheels zu ergattern. Auch alle Motels im Ort sind lange im Voraus ausgebucht, zu kurz ist hier die Saison. Dabei ist die Hudson Bay durchaus auch ein lohnendes Sommerziel, versammeln sich doch im Juli und August Hunderte von Beluga Walen in der Mündung des Churchill River.

Polarbär Es ist soweit, plötzlich springen die Gäste des Speisewagens auf und stürzen zu den Fenstern. Angelockt von den Küchendüften, steht der erste Eisbär unter den Fenstern des Speisewagens, ein zweiter trottet gemächlich heran.

Trotz des schon schwindenden Lichtes wird Foto um Foto 'verschossen', wir wissen ja nicht daß es in den nächsten Tagen noch unzählige Möglichkeiten geben wird, die Tiere vor die Kamera zu bekommen. Es ist 'Showtime' am Cape Churchill. Wie auf Bestellung beginnen die Tiere zu spielen und miteinander zu raufen, was in einem für Eisbären typischen Boxkampf endet. Der Kampf endet unentschieden. Bald danach ziehe ich mich in meine Schlafkabine zurück. Gegen Mitternacht werde ich plötzlich durch hektische Aktivität im Schlafwagen geweckt. Nordlicht! Alle haben sich außerhalb der Wagen, zum Teil auf den Dächern, versammelt, um dieses seltene Naturschauspiel zu beobachten. Es ist bitterkalt, aber die Faszination läßt mich eine Weile ausharren und die Lichtspiele am Nachthimmel beobachten, ehe ich wieder ins warme Bett zurückkrieche.

Als am nächsten Morgen die Sonne hervorkommt, beschließe ich einen Hubschrauber der Midwest Helicopters zu chartern, was von der Lodge aus mittels Funk erledigt wird. Der folgende dreistündige Flug mit dem urigen Piloten Steve am Steuerknüppel und mit einigen Landungen an interessanten Plätzen ist nur in Superlativen zu beschreiben. Ich zähle mehr als dreissig Bären aus der Luft, dazu Elche und Caribous. Ein Erlebnis besonderer Art ist die Landung bei den 'Bärennestern', wo im Winter die Jungbären das Licht der Welt erblicken. Zuerst wird von Steve - einen großkalibrigen Revolver im Anschlag - das Gelände in Augenschein genommen, ehe ich den Hubschrauber verlassen darf. Tief sinken die Füsse in das weiche Tundramoos, es hat einige Grad unter Null, trotz Sonnenschein und angenehmen Wetter.

Schon türmen sich die ersten Eisschollen an den Ufern der Hudson Bay, ich habe Glück und anscheinend den richtigen Zeitpunkt gewählt. Die Bären versammeln sich in Erwartung des kommenden Festmahles. Aber bereits ab Mitte November gehört Churchill wieder den menschlichen Bewohnern, die Bären sind verschwunden und kehren erst im nächsten Jahr an diesen Sammelpunkt zurück. So vergehen die Tage mit Beobachtungen der Tierwelt rund um die Lodge. Zurück in Churchill braucht es eine Weile, das Erlebte zu verarbeiten. Danach beginne ich mit der Besichtigung des kleinen Ortes. Interessant ist neben der Kirche und dem Museum noch das 'Eisbärengefängnis', wo von der 'Bear Patrol' aus Sicherheitsgründen gefangene Tiere vorübergehend untergebracht werden. In der 'Arctic Trading Post' kann man Souvenirs, Postkarten und auch Filme kaufen.

In der Umgebung des Ortes findet man das Wrack eines gestrandeten Frachtschiffes ('Ithaca'), das Fort Prince of Wales und das Wrack eines Flugzeuges ('Miss Piggy'). Eine entlegene Lodge auf der anderen Seite des Flusses ist nur mit dem Boot oder dem Helikopter zu erreichen. Diese White Whale Lodge hat ebenso wie andere Plätze in Churchill, bereits Hollywood und der Filmindustrie als Schauplatz gedient. Dabei liegt die ursprüngliche Bedeutung des bereits vor einigen hundert Jahren gegründeten Ortes in dem Umstand, das Churchill über den einzigen zeitweilig eisfreien Hafen der Region verfügt. Eine zweifelhafte Wichtigkeit bestand auch in einem Raketentestgelände, welches aber seit einigen Jahren nicht mehr in Betrieb ist. Nur noch rostige Raketenteile in der Tundra zeugen von den Testabschüssen. Angeblich soll das Cape Churchill in Kürze ein Nationalpark werden, es wäre wünschenswert, um diese einzigartigen Tiererlebnisse auch in der Zukunft zu sichern und möglich zu machen.

Der Eisbär (Polarbär, Ursus Maritimus)
Der größte und stärkste Räuber der Arktis. Ein durchschnittlicher männlicher Bär wiegt um die fünfhundert Kilo und ist zweieinhalb Meter groß. Große Exemplare erreichen drei Meter und ein Gewicht bis zu siebenhundert Kilo. Eisbären leben zumeist als Einzelgänger und halten keinen Winterschlaf. Im Dezember oder Jänner werden in einer Höhle die Jungen geboren. Eines der interessantesten Säugetiere der Erde hat eigentlich eine schwarze Haut, nur durch die das Licht reflektierenden Haare erscheint das Fell weiss. Dadurch wird Wärme gespeichert, was aber auch leicht zur Überhitzung führen kann. Eisbären haben daher relativ wenig Kondition und brauchen ständig Abkühlung.
Jedes Jahr im Herbst versammeln sich viele Polarbären am Cape Churchill - in unmittelbarer Umgebung des Ortes Churchill - um das Gefrieren der Hudson Bay abzuwarten. Dann sind die "mageren" Monate vorüber, die Bären ziehen auf das Eis zur Robbenjagd. Churchill ist weltweit der einzige Ort, an dem dieses Naturschauspiel zu beobachten ist.

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