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T é n é r é - das Land da draußen


Text und Fotos: Prof. Hans Först


Gleißende Helle, Himmel und Sand blenden gleichermaßen. Der Sand reflektiert die Hitze in pulsierenden Wellen, die weite, gleichförmige Ebene verschwimmt am Horizont in einem bleifarbenen Himmel, nur Hitze und Licht.
Unsere Landcruiser ziehen eine schnurgerade Spur durch die Wüste, mehr als 300 km ohne Orientierungshilfe. Immer wieder werden die anderen Autos in den erhitzten Luftschichten bis zur Unkenntlichkeit verzerrt oder lösen sich darin für kurze Zeit auf. Gewaltige Felsen schrumpfen beim Näherkommen zu kleinen Steinen, tiefblaue Seen entpuppen sich als Reflexionen des Himmels auf den hitzeflirrenden, bodennahen Luftschichten. Keine Straße, keine Piste, keine Spur, nur Karte, Kompaß und die Erfahrung unserer Fahrer, denn "in der Wüste kann man sich nur einmal verirren" (Beduinensprichwort). Verschwitzt, müde, ausgelaugt und mit trockener Kehle kreisen die Gedanken um die Vorstellung vom kühlen Abend.

Bis dahin bleibt nur dann und wann ein Schluck aus dem Wassersack aus Ziegenleder. Die Gerba ist nicht vollkommen dicht und darf es auch nicht sein. Die Verdunstungskälte bewirkt eine wenigstens im Verhältnis zur Umgebung deutliche Abkühlung. Mangels Alternative - das Wasser in den Plastikkanistern auf dem Dach hat Badewannentemperatur - gewöhnt man sich auch an den etwas bitteren Geschmack der Gerbsäure.

Obwohl wir schnell unterwegs sind, scheinen wir uns nicht von der Stelle zu rühren, unsere Autos als Mittelpunkt einer riesigen Scheibe. Eine vollkommen leere Ebene auf 360 Grad, vergleichbar mit einem Ozean, nur daß hier die Wellen erstarrt sind - das ist die Ténéré, die "Wüste der Wüsten" im Staate Niger. Die Tuareg nennen sie das "Land da draußen", das Land außerhalb ihrer spärlichen Weidegründe, 1500 km von Norden nach Süden, 500 km von Westen nach Osten.
Nirgendwo sonst ist die Wüste so unverfälscht, so großartig einsam, aber auch so gefährlich wie in der Ténéré. Seit Tagen haben wir kein anderes Fahrzeug gesehen hier auf der Route von Iferouane im Air nach Bilma im Osten, auf einer Route der Kategorie C: mindestens drei geländegängige Fahrzeuge, genügend Wasser und Treibstoff, Meldung von Abfahrt und Ankunft bei der jeweiligen Präfektur.

Nicht einmal die Tuareg, die vor allem von den Franzosen romantisierten "Herren der Wüste", sind jetzt Mitte April mehr unterwegs. In den vergangenen Tagen sind wir im Air auf ihre kargen Weiden und Siedlungen aus Mattenzelten gestoßen. Tuareg ist arabischen Ursprungs und bedeutet "die von Gott Verstoßenen". Der Ausdruck stammt aus der Zeit, als die Araber sie mit Gewalt zu unterwerfen und zu islamisieren versuchten. Sie selbst nennen sich Imacharen, "die Freien, die Unabhängigen". Die Bezeichnung "blaue Männer" kommt von der oft indigoblauen Kleidung, die auf den Körper abfärbt. Zwar herrschten sie jahrhundertelang über die Sahara, doch gelang es ihnen nie, einen Staat zu gründen, zu zerstritten waren die einzelnen Gruppen.

Sie sind das einzige Volk der Erde mit einem Gesichtsschleier für Männer, dem Tagelmust. Er schützt gegen Sand, Staub und Hitze und ermöglicht es, Gefühle zu verbergen. Nur Augen und Nasenwurzel bleiben sichtbar. Sobald bei den Jungen die Achselhaare sichtbar werden, tragen sie dieses bis zu 5 m lange Tuch. Einzigartig in der Welt des Islam ist auch die Stellung der Frau. Sie wird mit Respekt behandelt, keine Entscheidung wird ohne ihre Zustimmung gefällt.

Rund eine Million Tuareg soll es noch geben, und fast die Hälfte von ihnen lebt im Niger, am Rande der Ténéré-Wüste. Große, schlanke, sehnige Gestalten mit hellbraunen Gesichtern und Hakennasen in weiten, ärmellosen, weißen oder indigofarbenen Ganduras, um den Hals Schnüre mit Amuletten in Lederbeuteln, die sie vor bösen Geistern und Krankheiten schützen sollen, an der Seite die Takuba, das lange Schwert. Aus ihrem Gang und ihrer Haltung sprechen heute noch Stolz und Würde. Jahrhundertelang waren sie nicht nur die Herren - sie selbst verachteten harte Arbeit, dafür hatten sie ihre Vasallen und Leibeigenen -, sondern auch die Terroristen der Sahara. Sie erpreßten Schutzgebühren, unternahmen Beutezüge auf Karawanen und sudanesische Siedlungen und verkauften deren Einwohner als Sklaven. Ein arabisches Sprichwort warnt vor zwei Todfeinden in der Wüste, vor Skorpionen und Tuaregs.

Jetzt hat sich der Spieß umgedreht. Die Wüste gehört nicht mehr den Tuareg-Nomaden, sie gehört ihren ehemaligen Sklaven, den Schwarzen, und das bringt Probleme.
Die Wirtschaft der Tuareg ruht auf dem Gartenbau in Oasen, vor allem aber auf der Viehzucht, die sie zu einem ausgedehnten Nomadenleben zwingt. Ihr Zuhause ist dort, wo es für ihr Vieh Weide gibt, und das wechselt im Laufe der Jahreszeiten. Seit es Kamele in der Sahara und im Sahel gab, waren sie in der Wüste ungehindert zwischen Tibesti und Atlantik umhergezogen. Sie wollen die neuen, willkürlichen "Reißbrettgrenzen" der Kolonialmächte, die ihre traditionellen Wanderungen unterbrechen, nicht anerkennen. Sie wollen auch keine Steuern zahlen und sich nicht registrieren lassen. Die schwarzen Regierungen wiederum sind bestrebt, die Nomaden seßhaft zu machen, um sie unter Kontrolle zu haben. Die Zivilisation läßt immer weniger Spielraum für ein freies Leben. Die Tuareg, sie machen nur mehr etwa 10% der Bevölkerung des Niger aus, wehren sich gegen die totale Vereinnahmung. Sie träumen von der Rückeroberung einer Unabhängigkeit. Es kam zu Überfällen auf Polizeistationen, die schwarzen Machthaber setzten sogar Armee und Luftwaffe gegen sie ein.

Während der Dürrejahre zwischen 1974 und 1983 flohen viele Junge nach Norden, um auf algerischen Ölfeldern oder als Soldaten von Ghadafis "Islamischer Legion" zu überleben. Internationale Hilfsgüter wurden von der Regierung an Seßhafte verteilt oder von korrupten Beamten auf den Märkten verkauft, tausende Tuareg verhungerten im Niger und in Mali. 1990 kam es zu Protestdemonstrationen im Lager von Tchin-Tabaradene 250 km südwestlich von Agadez, wo Nigers Regierung die Rückkehrer aus Algerien und Libyen untergebracht hatte. Bei einem Massaker durch die Armee fanden über 400 Tuareg den Tod. Den Kampf gegen die Dürre und Wüste haben die Tuareg verloren, nun kämpfen einige als Rebellen mit gestohlenen Fahrzeugen und Waffen gegen die schwarzen Machthaber um das Überleben, manche träumen sogar vom ersten Tuaregstaat, der alle Tuareg, die derzeit in Algerien, Niger, Mali, Mauretanien, Burkino Faso und Libyen leben, vereinigen soll.

Das grelle Licht schmerzt in den Augen trotz dunkler Brillen, der Sand trägt trotz breiter Reifen und verringertem Luftdruck nicht mehr gut, die Sonne verblaßt zur milchigen Scheibe. Es ist zu heiß, Zeit für eine Pause. Keine Akazie, kein Mittagsbaum weit und breit. Zwischen zwei Landcruisern spannen wir eine Plane, legen uns in den Schatten, immer darauf bedacht, unsere Lage mit der wandernden Sonne zu verändern. Die Mittagshitze dauert von 11 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags, die Stunden vergehen in quälender Langsamkeit.

Der Appetit ist gering, aber alle freuen sich auf die tägliche Teezeremonie, die beinahe eine Stunde in Anspruch nimmt. Unser Koch Mohammed schafft in eine kleine Sandmulde glühende Holzkohle. Dann füllt er einen verbeulten Kessel mit Wasser aus der Gerba und stellt ihn auf die Glut. Aus einem verknoteten Tuch nimmt er die blaue, emaillierte Kanne und vier Gläser, aus einem kleineren Pfefferminze und andere Kräuter. Er schüttet eine Handvoll Tee in die Kanne, gießt kochendes Wasser aus dem Kessel darüber und stellt die Kanne zum Aufkochen wieder aufs Feuer. Dann schlägt er von einem Zuckerhut ein Stück ab und läßt es ebenfalls ins Wasser fallen.

Nun stellt er die vier kleinen Gläser dicht nebeneinander und gießt den Tee aus etwa 30 bis 40 cm Höhe ein, sodaß er im Glas schäumt. Nicht ein Tropfen darf danebengehen. Noch ist der Etikette aber nicht Genüge getan, die richtige Qualität noch nicht erreicht. Der Tee kommt wieder zurück in die Kanne, zieht abermals, Kanne, Gläser, Kanne, Gläser. Endlich kostet Mohammed, nickt und gießt ein. Wir schlürfen den heißen, süßen, aromatischen Tee, der neue Kraft gibt, mit lautem Schmatzen (für unsere europäischen Teebeutel am Abend haben die Tuareg nur ein mitleidiges Lächeln). Das wiederholt sich noch zweimal. Daß alle unsere Fahrer mit demselben Kessel mindestens einmal täglich hinter den Dünen verschwinden und ihn dort offensichtlich zweckentfremden, kann unseren Genuß nicht schmälern.

Spiegelnde Luftschichten täuschen noch immer silberglänzende, blaue Seen und schattenspendende Bäume dort vor, wo sich einst das heute ausgetrocknete Tschadmeer erstreckte. Denn nicht immer war die Ténéré eine lebensfeindliche Wüste. Vor etwa 30 000 Jahren während der Eiszeit in Europa verschob sich die atmosphärische Zirkulation weit nach Süden, die regenbringenden Tiefdrucksysteme zogen über Nordafrika. Hier herrschte ein Zeitalter der Fruchtbarkeit mit reicher Vegetation und vielen Tierarten, wie Giraffen, Straußen, Zebras und Elefanten, ja sogar Flußpferden und Krokodilen. Felsgravuren aus der Jungsteinzeit im Air, im algerischen Tassili und im libyschen Akakus beweisen das. Aus der Kreidezeit vor etwa 100 Millionen Jahren stammen versteinerte Holzstämme und bis zu 20 m große Dinosaurierskelette. Beinahe täglich stoßen auch wir auf Spuren der Menschen, die hier in der Steinzeit gelebt haben: Pfeilspitzen, Reibplatten, Reibsteine und Schaber werden vom ständigen Wind freigelegt.

Unter der Ténéré fällt eine wasserundurchlässige geologische Schicht schräg nach Osten ab. An einer Verwerfung staut sich der Grundwasserstrom aus längst vergangenen Klimaphasen und wird durch Bruchlinien an die Oberfläche gedrückt. Diesem Umstand ist es zu verdanken, daß sich am Rande eines wenige 100 m hohen Gebirgszuges eine Kette aus Oasen bilden konnte: Djado, Chirfa, Seguedine, Dirkou, Bilma, Palmen, Gärten, in denen Weizen, Soßengewürze, Tomaten und Kartoffel als Abwechslung zum täglichen Hirsebrei gepflanzt werden. Der Übergang zwischen Lebensfülle und Wüste ist abrupt. Kaouar heißt die Region mit diesen nach Abenteuer klingenden Namen. Hier treffen wir auf die Spuren großer Forscher des letzten Jahrhunderts, wie Gustav Nachtigal und Heinrich Barth, die Afrika von Tripolis aus bis zum Tschadsee durchquerten. Liest man ihre Berichte, erscheint unsere Reise trotz großer Einschränkungen gemessen am sonst üblichen Zivilisationsluxus, trotz unbestreitbarer psychischer Belastung wie ein Sonntagsausflug. Die Kaouaroasen waren Teil der Karawanenroute von Bornu im Süden. Hunderttausende Schwarzafrikaner wurden auf der "Straße der Skelette" ans Mittelmeer getrieben. Noch 1857 waren 90% der Handelsware Sklaven. Das Verbot des Sklavenhandels Ende des 19. Jahrhunderts und die Zerstückelung Afrikas in unabhängige Staaten - der Niger grenzt hier an Lybien und den Tschad - nahmen der Region jedoch die wirtschaftliche Bedeutung.

Wie eine Fata Morgana erscheinen die Festungen Djado und Djaba, zerfallene, eng verschachtelte Häuser auf einem mächtigen Felsblock. Heute bevölkern nur mehr Moskitos die beiden Orte. Nur zur "Hochzeit der Dattelpalmen", der Bestäubung der weiblichen Blütenstaude mit männlichen Pollen, und zur Dattelernte kommen die Nomaden. Aber sie übernachten nicht wegen der Mücken und der Djins, der bösen Geister, die hier hausen sollen.

Dunkelhäutige Kanuri bewohnen diese Oasen am Ende der Welt. Sie wurden zwischen dem 13. und 16. Jhdt. von den Bornuherrschern von den Ufern des Tschadsee hierhergeschickt, um die Route nach Norden und die damit verbundenen hohen Einnahmen zu sichern. Ihre Frauen tragen Gewänder in leuchtenden Farben, ihre Haare sind zu rattenschwanzartigen Zöpfchen geflochten und mit Butter eingerieben, damit das Haar in der trockenen Luft nicht brüchig wird. Sobald Fremde auftauchen, was selten genug passiert, kommen sie aus ihren Palmhütten, hocken sich in den Sand und bieten ihre Waren an: steinharte Datteln, etwas Gemüse, Glasschmuck, einfache Flecht- und Lederarbeiten. Abends hört man von überall her den Rhythmus des Lebens, das Stampfen der langen Stössel in den Hirsemörsern.

Bilma ist die berühmteste aller Kaouaroasen, ein Traumziel für Abenteurer. In der Realität jedoch ein kleiner, halb verfallener Ort verloren im Sand mit eng aneinander gebauten, niederen Häusern aus grauen Salztonziegeln: ein Fort aus der Franzosenzeit, eine Wetterstation für die internationalen Fluglinien, kleine Läden, in denen man Seife, Stricke, Batterien, Stoffe und moderne Plastiksandalen anbietet, und ein Bäcker mit frischem französischem Weißbrot, viele Kinder, viele Fliegen. Nur wenige Reisende kommen hierher, und so haben die Beamten jede Menge Zeit für ihre Eintragungen: Anzahl, Nummer, Farbe und Größe der Wagen, Namen und Paßnummern der Mitfahrer für eine eventuelle Suchaktion.

Seine Bedeutung erlangte Bilma durch salzhaltiges Grundwasser, Jahrmillionen alte, gelöste Salze aus einer Zeit, in der die Sahara noch Meeresboden war. Kanuri und Tubu graben Löcher, die sich mit Wasser füllen, weiß, zitronengelb, violett, braun, wie riesige Malkästen. Durch die starke Sonneneinstrahlung kristallisiert bald Salz an der Oberfläche aus. Die an eine Eisfläche erinnernde Schicht wird immer wieder zerschlagen, damit die Verdunstung nicht behindert wird. Nach etwa zwei Wochen hat sich am Grunde der Tümpel eine dicke Salzschicht gebildet, die herausgeschöpft und getrocknet wird. "Geerntet" wird zwischen April und September, dann heizt die Sonne die Luft bis auf 70° C auf, die Verdunstung ist am größten. Aber die heiße Sole verätzt die Haut der Arbeiter, die bis zu den Knien ungeschützt darin waten. Nach zwei Stunden ist auch der kräftigeste Mann erschöpft.

Salz in einem ausgehöhlten Dattelpalmstrunk zu säulenförmigen Kantu gepreßt, jeder etwa 20 kg schwer, ist seit dem 13. Jahrhundert eines der begehrtesten Handelsgüter, lebenwichtig für die Viehherden am Südrand der Sahara. Den Tranport besorgen die Salzkarawanen. Im Herbst ziehen die Tuareg mit ihren Kamelen vom Air-Gebirge nach Agadez und tauschen dort Schafe und Ziegen gegen Hirse und Zuckerhüte. Damit kaufen sie in Bilma und Fachi Salz und zusätzlich noch Datteln. Beides verkaufen sie an die Haussa-Bauern im Süden an der Grenze zu Nigeria. Etwa 650 km weit auseinander liegen die Produktionsstätten und die Verbrauchsgebiete. Sechs Wochen dauert der Marsch, 14 bis 16 Stunden täglich, ohne Rast, sogar der Tee wird im Gehen getrunken, nur die Sonne, die Sterne und Dünenkämme dienen der Orientierung. Mindestens vier Monate jedoch sind die Tuareg unterwegs, weil sie im Süden noch ihre Kamele weiden lassen, bevor sie wieder durch die Wüste zurückkehren. Es ist ein Leben zwischen Wüste und Weide, ein Leben mit unglaublichen Entbehrungen, ein Leben, das den Anforderungen der Wüste optimal angepaßt ist.

Jahr für Jahr wiederholt sich diese Wanderung, außer in Dürrezeiten. Dann sterben zuerst die Rinder, dann die Kamele; wenn auch die Ziegen verhungern, müssen die Tuareg in die Wellblechslums der Städte ziehen. Über viele Jahrhunderte Herren der Wüste und Meister im Überleben unter extremsten Bedingungen müssen viele heute - nach Jahren ohne Regen und politischen Veränderungen - ums Überleben betteln oder als Hilfsarbeiter ihr Dasein fristen, das romantische Klischee von der intakten Nomadengesellschaft stimmt nicht mehr. Die Lebensgemeinschaft zwischen Oasenbewohnern als Produzenten, Nomaden als Transportunternehmern und Rinderzüchtern als Konsumenten funktionierte viele Generationen lang und ermöglichte das Überleben, jeder hatte seinen Vorteil. Seit aber der Regen immer unregelmäßiger fällt und manchmal ganz ausbleibt, die Herden im fernen Sahel durch das Vordringen der Wüste verhungern und der Hirsepreis stark gestiegen ist, stapeln sich die Kantus. Statt der 20 bis 30 000 Kamele wie früher kommen nur mehr einige hundert.

Und jeder Eingriff seitens der Regierung oder internationaler Organisationen stört das von altersher eingespielte Wirtschaftsgefüge und gefährdet die Existenz einer der beteiligten Gruppen. Werden Hirselieferungen in Fachi und Bilma verteilt, ist kein Kanuri oder Tubu mehr bereit, in den Salinen bei bis zu 70° ohne Schatten und Wind, die Füße in ätzender Sole wie ein Sklave zu schuften. LKW sind in der Wüste zwar bedeutend schneller als Kamele, bei billigen Produkten, wie das Salz, Hirse und Datteln nun einmal sind, jedoch nicht konkurrenzfähig. Auf 100 km verbrauchen sie bis zu 150 l Treibstoff. LKW müssen also vom Staat subventioniert werden. Damit verlieren die Tuareg ihre Einkünfte und auch ihre Selbständigkeit, was im Interesse der schwarzen Regierung und auch mancher "Experten" liegt, die die "überholte archaiische Lebensform" der Nomaden zum Verschwinden bringen wollen. Fragt sich nur, was passiert, wenn dann eines Tages die Subventionierung aus irgendwelchen Gründen eingestellt wird.

Auf der 650 km langen Route zwischen Bilma und Agadez liegen nur zwei Brunnen wie Inseln im endlosen Wüstenmeer: die mittelalterliche Oasenstadt Fachi aus Lehmziegel und Salzblöcken und der legendäre Baum der Ténéré. Zwischen 30 - 40 m hohen, von Ost nach West verlaufenden Dünenkämmen haben sich endlose Sandalleen gebildet. Hier kann es passieren, daß Fahrzeuge oder Karawanen nur wenige 100 m unbemerkt aneinander vorbeiziehen. Kamelskelette, vom "Sandstrahlgebläse" blankgefegt, zeugen von der Härte und den Anstrengungen der Salzkarawane.

Das Überqueren der Dünen gelingt uns oft nur nach mehrmaligem Anlauf. Das Freischaufeln der Achsen, das Legen der Sandbleche kostet Schweiß und Zeit. Am frühen Morgen und späten Nachmittag ist es wegen der Schatten noch relativ einfach, einen Kurs zwischen den Mulden und Anhöhen zu steuern. In den Mittagsstunden jedoch, wenn Wüste und Himmel farblos erscheinen, wird es gefährlich. Die ca 1400 Bewohner von Fachi sind Kanuri wie in den Kaouaroasen im Osten. Auch in Fachi wird Salz gewonnen, ca 1000 Tonnen im Jahr. Dazu kommen 1000e Palmen. Nach jedem Sandsturm muß die angewehte Sandschicht abgetragen und in Körben aus den Gärten geschafft werden. In kleinen, mit Schöpfbrunnen bewässerten Gärten werden Gemüse, Gewürze, Gerste und Tabak angebaut. Trotz aller Mühen können ur 2% des Getreidebedarfs in Fachi selbst geerntet werden. Alles andere wie Hirse, Tee und Stoffe muß gegen Salz und Datteln von den Karawanen eingetauscht werden.

Die berühmteste Akazie der Welt ist zweifellos der "Arbre de Ténéré", der einzige Baum auf einer Fläche von mehr als 10 000 km2, der einsamste Baum der Welt, einziger Schatten auf hunderten Kilometern, Symbol des Lebens, das sogar auf Karten 1 : 1 000 000 eingezeichnet ist.
1973 stürzte die 3 m hohe Akazie um, nachdem sie, schon geschwächt durch die Dürre, von zwei Französinnen, andere wieder sagen von einem lybischen LKW-Fahrer angefahren worden war. Eine einmalige Leistung, den einzigen Baum auf hunderten Kilometern zu treffen! Botaniker glauben, daß der Baum 2000 Jahre alt war und daß mit der Austrocknung des Bodens seine Wurzeln dem Grundwasser nachwuchsen, bis sie die unglaubliche Länge von 35 m, den heutigen Wasserhorizont erreichten. Der knorrige Baum befindet sich jetzt im Nationalmuseum in Niamey, ein häßlicher Eisenbaum mit Spiegeln, Wegweiser für die Wüstenreisenden, wurde aufgestellt.Die kleinen Akazien, die die Regierung pflanzen und mit Schutzzäunen gegen die immer hungrigen Kamele umgeben ließ, werden nie imstande sein, diese 35 m, die Leben bedeuten, zu überwinden.

Der arabische Schriftsteller Ibn Battuta beschrieb Agadez als "größte, schönste und stärkste Stadt des Sudan" (mit Sudan bezeichneten die Afrikaner das Land entlang des Saharasüdrandes). Das war sicher eine Übertreibung, entschuldbar jedoch, da jeder Reisende die Stadt erst nach langer Wüstenreise erreicht. Auch mir erscheint Agadez, es bedeutet übrigens "Begegnung" nach den Wochen der Entbehrungen und der Einsamkeit wie eine Großstadt. Die einfachsten Dinge haben einen anderen Stellenwert bekommen. Bett, Tisch, Sessel, Fließwasser, Strommasten, Kühlschrank, Bier, Tankstelle und Werkstätte - die Zivilisation hat uns wieder, eine einzige asphaltierte Straße führt vom Flugplatz bis zur Präfektur. Abends treffen sich die Sahara-Fahrer im italienischen Restaurant "Chez Vittorio", um ihre Erfahrungen auszutauschen, und im Hotel de l'Air, wo der Tuaregführer Kaocen bei seiner Revolte 1917 Franzosen reihenweise an den Deckenbalken des heutigen Speisesaales aufhängen ließ, warten die schwarzen Schönheiten auf Kunden.

Vorbei ist es mit der Stille. Dolche, Schwerter, Armreifen, "Kreuze von Agadez", Maria-Theresien-Taler und bunte Ledertaschen werden den Touristen angeboten. Pechschwarze Haussa in farbenprächtige Stoffe gehüllt, Araber, Kanuri, Tubu, Frauen mit kunstvoll geflochtenem Haar, hochgewachsene Tuareg in blauer Gandura und kupferfarbene Bororos mit oben spitz zulaufenden Strohhüten drängen auf den Märkten. Hitze, Staub, Lärm, Fliegen, der scharfe Geruch nach Gewürzen, Ziegen, Kamelen, der Rauch von der Kohleglut, auf der Fleischspieße braten - unverwechselbares Schwarzafrika. Der deutsche Forschungsreisende Heinrich Barth erreichte am 10. Oktober 1850 als erster Europäer diese Handelsstadt am Schnittpunkt wichtiger Handelswege zwischen den Tuareg im Norden, dem Bornu-Reich im Osten, den Haussa-Staaten im Süden und dem Mali-Herrscher im Westen.

Wenige Jahre vorher war das "Wahrzeichen der Stadt", die Moschee mit ihrem ganz aus Lehm, Stroh und Mist erbauten, 27 m hohen Minarett, aus dem auf jeder Seite Stützhölzer herausragen, eine Mischung aus Pyramide und Kaktus, errichtet worden. Symbol des Zurückdrängens der animistischen Religionen durch den Islam.
Drei Wochen Sahara, viele Ereignisse, Beobachtungen und neue Erfahrungen färben auf jeden ab. Wer in die Wüste geht, verändert sich. Die Wüste verlangt von den Menschen Geduld, einen starken Willen und Hinnahme des Unvermeidlichen. Wer jemals in seinem goldgelben Sandbett im "1000 Sterne-Hotel" geschlafen hat, die unbeschreibliche Schönheit eines Sonnenaufgangs über dem Dünenmeer erlebt hat, sich über die Beweise des Lebens - und seien sie auch noch so klein - gefreut hat, die Weite des Landes, die Stille und Ruhe, die Schönheit der vom Wind geschaffenen Formen erlebt hat, wer jemals zugesehen hat, wie Mohammed das Wasser treffsicher vom Kännchen in die Gläser schüttet, wer diese Lektion im Sich-Bescheiden-Müssen mitgemacht hat, erfahren hat, unter welchen Bedingungen Leben möglich ist, der ist ein anderer geworden. Tuareg sagen, Allah habe aus der Sahara alles Überflüssige entfernt, damit wir Menschen das wahre Wesen der Dinge erkennen können. Der wohl berühmteste Saharaforscher, der Franzose Theodore Monod schrieb in seinem 1937 erschienen Buch "Méharées" über die Wüste: "dieser ganz eigene Geschmack der Freiheit, des einfachen Lebens, diese bestimmte Faszination des Horizonts ohne Grenzen, des Weges ohne Zurück, der Nächte unter freiem Himmel, des Lebens mit dem strikt Notwendigen, läßt sich mit Worten nicht beschreiben."

Mag der Reisende auch unterwegs noch so viel fluchen über Dreck, Durst, die Hitze des Tages und die Kälte der Nacht, über Sand an sich und in sich, über den Weg, der keiner ist, über eingesandete Autos und bitteres Wasser in der Gerba, kaum ist er daheim, überfällt ihn die Sehnsucht, wieder die Brücken zum Gewohnten abtzbrechen, den reglementierten Ordnungen zu entfliehen. "Einmal Sahara, immer wieder Sahara". Der Prozentsatz an Wiederholungstätern ist groß, sehr groß. "Jedermann braucht etwas Wüste." So hat es der Forschungsreisende Sven Hedin genannt.

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