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Äthiopiens "vergessene" Wunder



... Text und Bilder: Prof. Hans Först


Priester und Diakone, gestützt auf schulterhohe Stäbe mit silbernem Knauf, wiegen sich stundenlang im feierlichen Rhythmus des Gesangs. Bunte Brokatschirme, weiße Kleider, gewisperte Gebete, Weihrauch, Kerzen, monotone Gesänge, der feine, silberhelle Ton der Rasseln, dazu der dumpfe Klang der großen Trommel. In der dunklen Kirche herrscht eine fast mystische Atmosphäre, man spürt Frieden, Gelassenheit und innere Sicherheit.

Begonnen hat es mit der Königin von Saba. Sie soll um 950 v.Chr. nicht von Marib im heutigen Jemen, sondern von Axum im Norden Äthiopiens aufgebrochen sein, um mit König Salomon in Jerusalem die Handelsbeziehungen auf der Weihrauchstraße zu verbessern. Salomon, so berichtet die Legende, wollte die schöne Königin aus dem fernen Land unbedingt verführen. Er ließ sie einen seltsamen Schwur ablegen. Er werde sie nicht anrühren, wenn auch sie nichts von seinem Besitz nehme.

In der Nacht erwachte Makeda, so nennen sie die Äthiopier, da sie sehr durstig war. Der listige König hatte ihre Speisen sehr stark würzen lassen. Sie ging in den Vorraum und trank von dem Wasser, das sie dort fand. Darauf hatte Salomon gelauert. Der König war nun nicht mehr an sein Versprechen gebunden und zeugte mit ihr in jener Nacht einen Sohn.

Das Kind wurde in Axum geboren. Mit 21 besuchte Menelik I seinen Vater Salomon in Jerusalem. Bei seiner Abreise stahl er aus dem Tempel die Bundeslade mit den Tafeln, die einst Moses auf dem Berg Sinai empfangen hatte, und brachte sie mit Hilfe der Engel nach Axum. Mit ihm sollen viele junge Männer aus Israel gekommen sein, eine Erklärung für den starken jüdischen Einfluß in der äthiopischen Kirche und die Existenz der Falascha, der Bet Esrael, der "schwarzen Juden" im Land. Menelik I wurde der Begründer der äthiopischen Königsdynastie, der "salomonischen Dynastie". Der letzte äthiopische Kaiser Haile Selassie war der 225. Nachkomme! Sein Wappen zierten Davidstern und Kreuz!

Der entscheidende Wendepunkt in der Geschichte des Landes kam im 4. Jhdt.n.Chr.. Zwei schiffbrüchige Jünglinge aus Tyros im heutigen Libanon kamen als Sklaven an den Hof von Axum. Frumentios, einer der beiden, wurde später Erzieher des Königs Ezana und bekehrte ihn zum Christentum. Ab 328 prägte das Christentum die Geschichte des Landes, lange bevor Europa christlich wurde!

Die rauhe Gebirgslandschaft und die Einkreisung durch feindlich gesinnte islamische Länder sperrten die Außenwelt aus, drängten die Menschen auf sich selbst zurück und ließen eine tiefe Gläubigkeit entstehen, die alle Höhen und Tiefen der Geschichte überlebte. Beinahe unglaublich, daß selbst die kommunistische Terrorherrschaft durch General Mengistu, Bürgerkrieg und Hungerkatastrophen dieser "fröhlichen Frömmigkeit", die man bei uns in Europa nicht kennt, nichts anhaben konnten.

Religiöse Feste mitzuerleben, gehört zu den tiefsten Eindrücken einer Äthiopienreise. Jeden Sonntag und an den rund 150 Heiligenfesten im Jahr füllen sich die Kirchen und die Höfe davor mit Menschen in ihren traditionellen weißen Kleidern aus Baumwolle in einem für uns fast beängstigenden Gedränge. Für die Menschen sind die Feste die wichtigsten Eckpunkte des äthiopischen Lebens, die ihren eher monotonen Lebensrhythmus unterbrechen. Kirchliche Feste und Zeremonien sind farbenprächtig, eindrucksvoll, einzigartig und mitreißend. Das Leben der Gläubigen scheint von unserer modernen Welt unendlich weit entfern zu sein.

Das schönste und wichtigste aller Feste ist zweifellos Timkat, das Fest der Erscheinung des Herrn, der Taufe Jesu durch Johannes. In feierlicher Prozession wird am Nachmittag des 18. Jänner der in wertvolles Brokat gehüllte heilige Tabot, die symbolische Nachbildung der Bundeslade, vom Priester jeder Kirche würdevoll auf dem Kopf zum Festplatz getragen. Man könnte glauben auf einem Volksfest zu sein. Trommeln, Gesang, Tanz, Staub, Hitze, bunter, mit Goldfäden bestickter Brokat und silberne Kreuze glänzen im Licht, Gesänge und Rhythmen, die viel älter sind als der christliche Glaube. Ein Fest für alle Sinne. Stimmen aus Megaphonen feuern die Menge an. Frauen bekunden ihre Freude mit schrillen Zungentrillern.

Wann immer die Prozession zum Stehen kommt, formieren sich Priester und Diakone wie seit Jahrhunderten zu langsamen, feierlichen Tänzen, die dann immer ekstatischer werden. Die Menge singt, trillert, jubelt, klatscht, gerät in Ekstase, alle werden vom Rhythmus und von der Begeisterung mitgerissen. Wäre es nicht unpassend, könnte man von einem Höllenspektakel sprechen.

Die tiefe Gläubigkeit ließ die Menschen auch die Felskirchen aus dem gewachsenen Felsen "abbauen", eine architektonische Meisterleistung, die Lalibela, ein Dorf aus mit Stroh oder Blech gedeckten Hütten weltberühmt gemacht hat. Wie schon beim Raub der Bundeslade waren wiederum Engel beteiligt: sie trugen dem frommen König auf, in dieser abgelegenen Berglandschaft ein zweites Jerusalem zu bauen (das richtige hatte Sultan Saladin besetzt), und sie halfen beim Bau dieses 8. Weltwunders. So großartig sind diese Kirchen, daß der portugiesische Missionar Francisco Alvarez, der 1520 als erster Europäer nach Lalibela kam, seinen Bericht mit folgenden Worten begann: "Ich schwöre bei Gott, daß alles Geschriebene die Wahrheit ist." Er kannte die präpotente Einstellung der Europäer von der Überlegenheit ihrer Kultur.

Der Rückzug zu sich selbst möglichst weit weg vom weltlichen Leben bestimmt die äthiopische Religiosität. Auch die zwanzig Kirchen auf Inseln im Tanasee sind Orte des Gebets, der Meditation und der Stille. Manche von ihnen sind so heilig, daß nichts Weibliches die Insel betreten darf, alle Besucher müssen ihre Schuhe ausziehen. Wichtigstes Transportmittel auf dem See von der siebenfachen Größe des Bodensees sind auch heute Tanqas, Boote aus gebündelten Papyrusstauden, jenen ähnlich, die in den Gräbern der Pharaonen abgebildet sind oder die die Indios am Titicaca-See in Peru benutzen.

Priester und Mönche haben über Jahrhunderte daran gearbeitet, die Wände dieser Kirchen von oben bis unten mit Farben aus Blättern, Wurzeln und Mineralien zu bemalen, eine "biblia pauperum" für Analphabeten von einer Farbenpracht und Ausdrucksstärke, wie man sie sonst nirgendwo finden kann. Und überall Engelsköpfe. Zu hunderten blicken sie mit ihren großen, dunklen Augen von den Wänden und Decken herab auf die Gläubigen.

Im harten Kontrast zu diesen Herrlichkeiten der Kirchen steht die Armut der Massen, die harte Gegenwart. Ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Hatte das Land 1974 zum Zeitpunkt des Sturzes von Haile Selassie nur etwa 25 Mill. Einwohner, zählt es heute ein Vierteljahrhundert später trotz Bürgerkrieg und Hungerkatastrophen ca 60 Mill. Prognosen sagen für 2025 120 Millionen voraus. Nicht 1,2 oder 1,5 Kinder pro Familie wie in Europa, sondern 6-8 sind die Norm. Doch seit dem Ende der kommunistischen Diktatur und der korrupten Planwirtschaft unter Mengistu Haile-Mariam und den ersten demokratischen Wahlen 1991 hat sich auch die Wirtschaft erholt und die internationale Entwicklungs- und Wirtschaftshilfe verstärkt.

Tourismus ist seit einigen Jahren wieder möglich und erstaunlich problemlos. Kleine Maschinen der Ethiopian Airlines bringen Besucher an alle wichtigen Punkte des Landes. Kleine aber saubere Hotels stehen entlang der sogenannten Historischen Route und im südlichen Seengebiet zur Verfügung. Minestrone und Spaghetti erinnern an die kurze italienische Präsenz von 1936 - 1941.

Äthiopien bietet jedoch weitaus mehr als Kirchen, religiöse Feste und die archaische Einheit von Leben und Glauben. In der ersten äthiopischen Hauptstadt Axum stehen die weltberühmten fast 2000 Jahre alten und über 20 m hohen Granitstelen, Zeugen der engen Verbindung zwischen Südarabien und dem Land am Horn von Afrika. Gondars zinnengekrönte Schlösser aus dem 17. Jhdt. gleichen den Burgen Europas, und Addis Abeba, die "neue Blume", die erst 1880 von Menelik II gegründete Hauptstadt, ist eine moderne Großstadt, in deren Geschäften alles erhältlich ist, was für ein angenehmes Leben notwendig scheint.

Kastentexte
Kaffee soll aus der südäthiopischen Provinz Kaffa stammen und erst im 14. Jhdt. in den Jemen gelangt sein. Kaffee ist noch heute Äthiopiens Hauptexportartikel. Die traditionelle Kaffeezeremonie ist sehr aufwendig. Die grünen Bohnen werden vor den Augen der Gäste geröstet, im Mörser zerkleinert, aufgekocht und in kleinen Schalen mit Zucker serviert. Sehr stark, aber köstlich.

Nationalspeise ist Injera, ein graufarbener, gesäuerter Fladen aus Teff, einer lokalen Hirseart, gebacken in einem flachen Lehmofen oder in einer großen Pfanne. Von diesem schaumgummiartigen Brotersatz reißt man Stücke ab und taucht sie in würzige Gemüse- und Fleischsoßen. Gegessen wird mit den drei Fingern der rechten Hand.

Aufpassen sollten Sie bei Terminvereinbarungen. In Äthiopien gilt noch der Julianische Kalender: 12 Monate mit jeweils 30 Tagen, was übrigbleibt wird im dreizehnten am Ende des Jahres zusammengefaßt. Vom alten vorrevolutionären Tourismus-Slogan "The country of 13 months sunshine" stimmen jedoch nur die 13 Monate. Im Sommer herrscht Regenzeit, Straßen und Landepisten sind dann nicht benutzbar. Besonders kompliziert wird es mit der amharischen Zeit, die im Zentrum und Norden des Landes gilt: sie hat ihren Nullpunkt um sechs Uhr früh, 12 Uhr Mittag nach unseren Uhren entspricht also 6 Uhr in amharischer Zeit.

Jahrhundertelang hat man nach den Quellen des Nil geforscht, um herauszufnden, warum Ägypten, das "Geschenk des Nil" wie Herodot schrieb, gerade während der ärgsten Trockenheit zwischen Juli und September das meiste Wasser erhält. Angeblich sollen schon die Perserkönige Kyros und Kambyses deswegen Expedtionen ausgesandt haben. Doch erst im 17. Jhdt. wurden die Quellen des Blauen Nil im Hochland von Äthiopien von dem portugiesischen Jesuiten Pedro Paez entdeckt und 1770 vom Schotten James Bruce "wiederentdeckt" . Damit war das Phänomen geklärt: zwischen Juni und Mitte September herrscht in Äthiopien Regenzeit.

1974 wurde in der Danakil-Ebene, einem Teil des Ostafrikanischen Grabenbruchs, das Skelett einer Frau aus der Gattung der Australopithecus afarensis, einer Spezies zwischen Affen und Menschen, vom amerikanischen Wissenschaftler Dr. Johanson gefunden. Das Alter der berühmten "Lucy" , die Äthiopier nennen sie Dinkenesh, wird auf etwa 3,5 Mill. Jahre geschätzt. Das Skelett befindet sich im Nationalmuseum von Addis Abeba.

Etwa 32% der Bevölkerung vor allem im Osten und Süden bekennen sich heute zum Islam. Als Zentrum und heilige Stadt der Moslems gilt Harrar, das alte Karawanenzentrum nicht weit von der Grenze zu Somalia. Dieses "Mekka Ostafrikas" war für Europäer bis Ende des 19. Jhdts. verschlossen.

Harrar bietet Einmaliges. Ein Hyänenmann lockt täglich abends innerhalb der Stadtmauern mit einem Sack Knochen und Fleischresten und mit heiseren Rufen diese Tiere an. Bald schleichen sich glühende Augenpaare an ihn heran und stürzen sich auf die Leckerbissen. Mit den Spenden der Zuschauer finanziert der "Hyänenmann" seinen Lebensunterhalt und den seiner Lieblinge.

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